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Zehn Platten für die Ewigkeit (I – Popmusik, deutsch, seit 2000)

10. Gisbert zu Knyphausen – Hurra, Hurra, so nicht (2010)

Dreh dich nicht um ist wahrscheinlich eines der traurigsten Lieder, die ich kenne. Allein schon für dieses Stück sollte Gisbert zu Knyhausen ein Platz im Musik-Olymp sicher sein. Doch lässt der sich natürlich nicht lumpen und packt dieses wundervolle Album auch noch mit so wunderschönen Stücken wie Kräne und Melancholie voll. Nein, diese Platte hat keinen einzigen Ausfall und mit jedem Hören, erschließt sie sich ein kleines Stück weiter.

9. Tele – Wovon sollen wir leben (2004)

Hits, Hits, Hits. Ich glaube … nein, ich bin mir sicher, dass ich an jedem Abend an dem ich irgendwo aufgelegt habe Falschrum gespielt habe. Und ich weiß, dass ich Jahrelang davon überzeugt war, dass dieses Stück eigentlich Fallschirm heißt. Und schließlich bin ich mir auch absolut sicher, dass die vielen anderen Hits auf dieser Platte noch in zehn Jahren funktionieren werden. Weil … naja, Hits eben.

8. Bosse – Kraniche (2013)

Ich bin mir sicher, dafür dass ich Bosse auf diese Liste setze wird wieder manch einer über mich lachen. Aber macht halt, ist mir in diesem Fall egal. Kraniche ist nämlich ein absolutes Meisterwerk.

Mein persönliches Jena-Abschiedsalbum. Vor allem wegen schönste Zeit, obwohl das in Jena streng genommen gar nicht unbedingt immer der Fall war. Und doch weckt dieser Song Erinnerungen an diverse WG-Rumknutsch-Parties, an durchwachte Nächte, an Dinge die man nur tun kann, wenn man kein Jugendlicher mehr ist, sich aber auch noch nicht so wirklich zu den Erwachsenen zählt. Und das hatte ja schon irgendwas.

Davon abgesehen ist der Titeltrack auch klasse, von Sophie, Familienfest und Konfetti ganz zu schweigen.

9. Herrenmagazin – Atzegift (2008)

Mit den Songs dieser Platte verbinde ich vor allem den, auf dem Bordstein vor dem Erfurter Museumskeller gefassten Entschluss, eine Band zu gründen und mit Popmusik berühmt zu werden. Beknackte Idee, wie sich fünf Minuten später herausstellte, aber als Gedanke erstmal gar nicht so schlecht und sicher absolut folgerichtig, wenn man gerade aus einem schweiß- und biergetränkten Konzert mit Hits wie Lnbrg und Früher war ich meistens traurig kommt.

Eine solche Idee ist mindestens genauso wichtig, wie der Plan mit dem besten Freund eine Kneipe zu eröffnen. Oder einen Bus zu kaufen und nach England zu fahren. Wer solche Ideen nicht hat und nicht zumindest fünf Minuten an ihre Verwirklichung glaubt, hat nicht gelebt. Und dann wurden sie irgendwo vergraben und wo weiß ich nicht mehr.

8. Kettcar – Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen (2005)

Ich muss gestehen, dass mich diese Platte irgendwie aufregt. Auf der einen Seite sind da so überlebensgroße Stücke wie 48 Stunden und Nacht drauf. Meine Welt aufgehoben und ich kann ich die Welt in drei Wörtern erklären. Wenn ich denn müsste. – besser geht’s nicht. Diese Stücke triefen so sehr vor Herzschmerz und Pathos, dass sie ihre Plätze auf dem Soundtrack meines Lebens sowieso sicher haben.

Und dann sind da diese Disko-Nummern Deiche und Anders als gedacht, die einfach immer gehen. Schließlich der heimliche Hit dieses Albums, die Wahrheit ist, man hat uns nichts getan. All das spricht eigentlich für ein absolutes Hit-Album. Wäre da nicht Stockhausen, Bill Gates und ich. Ich hasse diesen Song. Und nenn mich ruhig kleinlich, aber dieses Stück versaut mir regelmäßig das Hören dieses Albums. Was für eine Scheiße. Auf einer ansonsten so starken Platte.

7. Die höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase (2013)

Das ist für mich irgendwie so eine Berlin-Platte. Das erste mal, als ich Songs dieser Platte hörte, stand ich auf einem Parkplatz an der Ostseestraße in Prenzlauer Berg. Ich habe Scheiben gekratzt und auf T gewartet. Wir wollten zu Ikea fahren und einen Teppich kaufen. Auf Radio eins wurde dieses wunderbare Album vorgestellt.

Ein paar Monate vorher hat die höchste Eisenbahn schon auf dem Immergut Festival gespielt und mich da so gar nicht interessiert weil ich dachte, das wäre nur irgendein Klamauk. Was für ein Blödsinn. Die höchste Eisenbahn ist das genaue Gegenteil von Klamauk, davon zeugen Stücke wie raus aufs Land und Mira und Allen gefallen und überhaupt dieses ganze wunderbare Album das mir auch beim tausendsten Hören noch dieses wohlig warme Gefühl von damals gibt, als auf dem eisig kalten Parkplatz endlich die Heizung im Auto ihren Dienst begann.

6. Kante – Zweilicht (2001)

Wir leben von einem Glauben, der unserer Gegenwart vorauseilt. Hier treffen Popmusik und Poesie aufeinander und mir fehlen die Worte, darüber mehr zu schreiben. Muss man sich einfach anhören. Punkt.

5. Peter Licht – Lieder vom Ende des Kapitalismus (2006)

Irgendwie weiß man ja bei Peter Licht nie, woran man gerade ist. Konzerte können entweder ganz großartig oder vollkommen beschissen sein. Für seine Platten gilt im Prinzip das Gleiche. Aber die Lieder vom Ende des Kapitalismus sind da eine Ausnahmen. Die sind durchgängig phantastisch.

Da wäre das fast schon episch zu nennende absolute Glück. Und dann das tanzbare Wettentspannen. Und dann irgendwann der zum mitsingen einlandende Titeltrack. Es gelingt diesem Album irgendwie auf ganz große Art auf dem schmalen Grad zwischen Peinlichkeit und Perfektion zu wandeln. Besser kann man so eine Platte wahrscheinlich nicht machen.

4. Tocotronic – dito (2001)

Achtung, ich schreibe jetzt gleich einen ganz ekeligen Satz.

Mit dieser Platte sind Tocotronic erwachsen geworden. Klingt nicht schön, trifft aber irgendwie das Wesen dieses Albums. KOOK wußte noch nicht so recht wohin, das selbstbetitelte weiße Album schließlich wies dann in eine Richtung die eben aus dem kennste-einen-kennste-alle-Geschrammel herausgewachsen war.

Und textlich war dieses Album einfach über jeden Zweifel erhaben. Ein Scherz im Labyrinth der Unvernunft. Boah, sowas muss man erstmal zu Papier bringen. Insgesamt nur Hits drauf. By the way: Auf meinem Exemplar der CD ist ein schlimmer Kratzer und ich denke jetzt schon seit 15 Jahren darüber nach, sie einfach mal ins Gefrierfach zu legen. Soll ja angeblich helfen. Weiß da jemand mehr?

3. ClickClickDecker – Nichts für ungut (2006)

Apropos Texte. Die sind dann vor allem bei ClickClickDecker sensationell gut. Mit was für starken Metaphern da in Stücken wie sozialer Brennpunkt Ich und die Suppe schmeckt auch kalt hantiert wird. Erlangen wir Unsichtbarkeit in unserem Zigarettendunst? In gläsernen Schuhen tanzt es sich eher beschissen, doch woher sollst du das auch wissen? Hach, wie gut das alles ist.

Mein persönliches Highlight auf dieser Platte ist jedoch der ganze halbe Liter. Ich kenne kein Lied, das so sehr Gefühle von Sehnsucht und Gegenwärtigkeit ausdrückt wie dieses. Ich könnte hier wahrscheinlich jede einzelne Zeile dieses Liedes aufschreiben und könnte doch nicht rüberbringen, wieviel mir dieses Lied bedeutet.

Du scheinst zu ersticken in der Zeit die verbrauch, um deine Tränen zu zählen, ich weiß es doch auch. Ich wußte es schon immer und so schmerzvoll es auch ist, ich kann dir nicht helfen, ich bin feige, ich hab Schiss.

2. Tomte – Hinter all diesen Fenstern (2003)

Da muss ich nichts sagen, oder? – Tomte, respektive Thees Uhlmann, haben es immer irgendwie geschafft Lieder zu schreiben, die sich anfühlen als würden sie mein Leben vertonen. Das liest sich jetzt sicher furchtbar anmaßend, aber so wirkte es auf mich.

So richtig los ging das mit dieser Platte und den Sommernächten in denen wir uns die Zeit nahmen, Zenit zu buchstabieren. Und ich bin bis heute felsenfest der Überzeugung, dass die Schönheit der Chance der größte Popsong ist, der jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde.

Bei schreit den Namen meiner Mutter bekomme ich noch heute regelmäßig eine Gänsehaut. Spätestens bei diesem Riff, das im Zentrum des Liedes steht und das so unverwechselbar den Sound dieser Band repräsentiert. Schreit den Namen der Sachen die sich um mich drehen, die es gilt sorgsam zu verwalten. Wie groß auch dieser Song ist. Wahnsinn.

Und dann die Bastarde, die dich jetzt nach hause bringen. Und du bist den ganzen Weg gerannt. Und überhaupt ist das eine Platte, mit der sich so viele Erinnerungen verbinde, wie mit kaum einer sonst. Hach…

1. Kettcar – Du und wieviel von deinen Freunden (2002)

Das ist für mich jetzt echt hart. Während Tomte für mich irgendwie die Band schlechthin ist, hat es Kettcar anscheinend irgendwie trotzdem geschafft, eine Platte zu machen, die dann doch noch mal ein ganz anderes Level erreicht.

Und obwohl Kettcars wichtigster Song 48 Stunden erst später auf einem insgesamt nicht ganz so starken Release erschien, schafft es Du und wieviel von deinen Freunden einfach über seine gesamte Laufzeit keine einzige Minute langweilig zu werden und so gar keinen Ausfall zu enthalten.

Und dann hat diese Platte da diese unglaublich mutige Dramaturgie. Man muss sich diese Chuzpe mal vorstellen. Da hauen die Jungs ihr erstes Album raus und steigen mit einer gemächlichen Nummer wie Volle Distanz ein und brechen damit direkt jede Erwartung die man damals mit dieser Platte verbunden hat.

Diese Erwartung wird dann im Anschluss mit Ausgetrunken erfüllt. Stimmung hoch, johlend in den Armen liegend Money left to Burn anstimmen, schließlich die bei wäre er echt die Tränen wegwischen bevor die Jungs sie bemerken. Gemeinsam weinen und an früher denken kann man schließlich später im Taxi. Hoffnung bei Landungsbrücken raus, ein letztes mal anstoßen zu Skateboard. Diese Platte kann alles. Ein verdienter erster Platz. Definitiv.