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Ihr macht mir Angst.

Ich musste noch ein zweites Mal hinsehen, als ich diese Zahl gelesen habe. 15.000 Menschen sind am Montag in Dresden auf die Straße gegangen, um dort gegen „Islamisierung“ zu demonstrieren. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in der nur unwesentlich mehr Menschen leben, als jene die in Dresden auf der Straße waren. Eine solche Zahl macht Eindruck auf mich. Und sie macht mir Angst.

Ja, ich gebe es gern zu. Ich habe Angst. Oder noch direkter: Ihr macht mir Angst. Aus dem Unwohlsein, das mich immer wieder überkommt, wenn Deutsche etwas „ja wohl mal sagen dürfen“ oder Erfolge ihrer Sportmannschaften feiern und sich dabei über andere erheben, ist echte, fassbare Angst geworden.

Natürlich könnte ich das auch einfach alles weglachen und mich über die grenzenlose Dummheit derer amüsieren, die stolz ihren Weihnachtsmarkt verteidigen, auf dem sie schließlich schon seit Jahrtausenden ihren Glühwein trinken und deutsches Kulturgut pflegen. Ich müsste die Facebook-Kommentare nicht lesen, bei deren Autoren bei Wörtern wie HEIMAT, DEUTSCH oder UNSER seltsamerweise immer die Hochstelltaste klemmt. Und überhaupt wollte ich das mit dem Nachrichtenkonsum ja eigentlich sein lassen, weiß ich doch nur zu gut, dass er meinem Gemütszustand alles andere als zuträglich ist. Ja, ich wollte niemals mehr einen politischen Text schreiben.

Doch dringt da die Gewalt dieser Zahl durch die Filterblase und erwischt mich aus dem Kalten umso stärker. 15.000 Menschen. Und das nur in Dresden. Man stelle sich vor, wie groß die Zustimmung zu den kruden Thesen und dem verschrobenen Weltbild dieser Menschen wohl im Rest des Landes ist.

Natürlich könnte ich mich auf Diskussionen mit euch einlassen und das verschobene Weltbild von euch Ver(w)irrten versuchen, gerade zu rücken, wie ich es an früheren Stationen meines Lebens wohl getan hätte. Doch fehlt mir einerseits die Kraft und andererseits die Hoffnung, dass meine Anstrengungen fruchten könnten. Wäre da nicht die beängstigende Gewalt dieser Zahl. Und wäre da nicht die Nähe, die dieser Irrsinn zu mir hat, wie es meine Facebook-Timeline mir unverblümt zeigt.

15.000, diese Zahl drückt allein durch ihre schiere Größe Anonymität aus. Doch stehen hinter diesen Ziffern echte Menschen, echte Lebensläufe, echte Geschichten und echte, greifbare Gesichter. Gesichter, die ich kenne, die zu Menschen aus dem Freundes- oder Familienkreis gehören und die zweifellos keinen Nazis gehören. Und doch gehören diese Gesichter Menschen, die reale Ängste und Sorgen haben und diese womöglich durch fragwürdige Gedanken erklärt sehen.

 

Wenn 15.000 Menschen auf die Straße gehen, dann sind das natürlich nicht alles Rechtsradikale, dann findet sich dort auch diese ominöse „Mitte der Gesellschaft“ wider. Das Problem ist, dass sich Begriffe wie „Radikalismus“ und „Mitte“ stets an einem Durchschnittswert orientieren. Und dieser Durchschnitt ist, so scheint mir, in unserem Land in den letzte Jahren weit ins rechte Spektrum verschoben worden. Und genau das ist es, was mir so eine Angst macht.

Angst vor Fremdem ist nichts ungewöhnliches und wer sich davon völlig freispricht, der lügt sich mir großer Wahrscheinlichkeit in die eigene Tasche. Dass aber Zehntausende auf die Straße gehen um verallgemeinernd über Menschen zu sprechen, die für all das Schlechte verantwortlich sein sollen, das ihr Leben so schwer macht, ist mehr als nur besorgniserregend. Und wenn ihr dann gegen Flüchtlinge vorgeht, die vor jener Bedrohung fliehen, die ihr selbst anzuklagen vorgebt, dann ist das nichts anderes als verlogen.

Im Sommer 2014 feiert ihr euren „entspannten Patriotismus“ und empört euch darüber, dass sich Menschen daran stoßen, dass ihr Argentiniern und anderen Gegnern der deutschen Nationalmannschaft den aufrechten Gang absprecht (#gauchogate). Im Herbst 2014 demonstriert ihr in Thüringen gegen den Ausgang einer demokratischen Wahl (#r2g) und beschwört in völliger Geschichtsvergessenheit Ängste und Gespenster herauf, derer ihr nicht mehr Herr werdet. Im Winter 2014 geht ihr zu Zehntausenden auf die Straße um Wut und Ängsten Ausdruck zu verleihen, deren Ursachen ihr euch nicht eingestehen wollt, die aber auf Garantie nicht dort liegen, wo ihr sie vermutet.

Ich weiß nicht, was im Frühjahr 2015 passieren wird. Aber ich habe Angst davor.