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Turbostaat, 6.2.2014, Binuu, Berlin (Kreuzberg)

Die großen Turbostaat feiern in diesen Tagen ihren 15. Bandgeburtstag und machen das, was an einem solchen Jubiläum am naheliegendsten ist: Sie spielen eine Tour. Durch Berlin. Vier Konzerte, an vier Abenden in vier Clubs. Ich durfte am Donnerstag im Binuu dabei sein und bin noch immer überwältigt.

Das dritte Album der Berliner proto-NDW-Band Ideal trug 1983 den Namen Bi Nuu

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. Nach der Veröffentlichung der Platte gab die Band an, es sei Luft raus, man würde fortan getrennte Wege gehen. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee ist, einen Club nach dieser Platte zu benennen. Ich muss gestehen, ich war noch nie im Binuu. Nach diesem Abend, werde ich mir meinen nächsten Besuch in dem Laden, im Erdgeschoss des Bahnhofs Schlesisches Tor auch gut überlegen.

Stromausfälle

Als die Vorband Freiburg bei ihrem Auftritt permanent mit Stromausfällen zu kämpfen hatte, schwarnte mir bereits Böses. Mal fielen alle Instrumente aus, dann wieder nur das Mikrofons des Frontmanns. Schließlich mussten sich zwei Musiker ein einziges Mikro teilen, um ihr Konzert zu Ende spielen zu können. Ungünstige Umstände für eine durchaus interessante Band, von der ich mir gern mehr anhören werde. Auch wenn durchaus hörbar ist, wo die musiklaischen Inspirationen für Freiburg herkommen. Zu sehr erinnern manche Stücke schlicht an Hits von Turbostaat, dem Headliner dieses Abends. Die andere Inspirationsquelle heißt Tocotronic. Von denen haben sich Freiburg nicht nur ihren Bandnamen geliehen, sondern covern das namengebende Stück zum Abschluss ihres Sets in einer herrlich schrammeligen Fassung.

Ein guter Auftakt für diesen Abend, wäre da nicht die Sache mit dem Strom. Turbostaat schaffen gerade ein einziges Stück, bevor es auch hier zum Stromausfall kommt. Betroffen ist diesmal nur Sänger Jan Widmeier. Gerade auf den und seine markante Stimme kann man bei einem Konzert dieser Band aber natürlich nicht verzichten. Die Ansage der Band, die Bühne zu verlassen und zu warten, bis das Problem behoben ist, trifft im Publikum auf Zustimmung. Dazu kommen muss es gleichwohl nicht mehr, offenbar haben es die Tontechniker im Hintergrund hinbekommen, das Problem zu beheben. Gerade rechtzeitig um die Party so richtig in Schwung zu bringen.

Turbostaat spielen in diesen Tagen vier Konzerte in Berlin, alle sind restlos ausverkauft. Die Setlisten sollen sich an den einzelnen Abenden unterscheiden, heißt es im Vorfeld. In mir keimt die Hoffnung, vielleicht auch mal wieder das ein oder andere ältere Stück zu hören. Am Vorabend im Schokoladen soll das Hauptgewicht schließlich vor allem auf Songs vom aktuellen Album Stadt der Angst gelegen haben. Meine Herzensstücke von den beiden ersten Alben Flamingo und Schwan habe ich bei meinen letzten Turbostaat-Konzerten leider schmerzlich vermisst.

Und das Dumme war, Sandra liebt ihn auch.

Mit Flamingo
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legte die Flensburger Band 2001 das perfekte Debütalbum vor. Dessen Hits Cpt. Käse und 18:09 Uhr – Mist, verlaufen sind bis heute absolute Hymnen in meiner Welt. Das gleiche gilt für M – eine Stadt such ihren Mörder und Schwan vom zweiten Album
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. Gerade diese Stücke, auf die ich vor jedem Konzert dieser Band (und ich habe davon inzwischen einige erlebt) hoffe, schaffen es leider nicht regelmäßig auf die Playlist.

Als vor dem letzten Stück des regulären Sets die Computerstimme der Video- und Installationskünstlerin Pipilotta Rist ertönt, die auf Flamingo mehrfach gesamplet wurde, legt sich eine eigenartig gespannte Atmosphäre über das Publikum. „Mesdames et Messieurs. Bienvenue a bord de notre vol a destination to nowhere … to you… deep inside“  Die Stimmung ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf einem absoluten Höhepunkt angekommen, 18:09 kommt damit zum absolut richtigen Zeitpunkt und wie aus einer Kehle erschallt es aus allen Ecken des Clubs „Sandra liebt ihn auch“. Auf die Frage, was Turbostaat anderen Bands voraus haben, muss eigentlich nur auf dieses Stück verwiesen haben, dessen zentrale Zeile durch die Zitation durch den Rapper Casper längst Einzug in die Popkultur, abseits der Szene erhalten hat.

Das Set bot bis zu diesem Augenblick keine großen Überraschungen. Was erstaunlich war, war einzig die Intensität, mit der Band und Publikum diesen Abend zu etwas Besonderem machen wollten. Fest steht, dass an diesem Abend kaum jemand zufällig im Binuu war. Hier haben sich die Fans dieser Ausnahmeband eingefunden, und nicht wenige werden sie in dieser Woche noch ein zweites (drittes, viertes) mal gesehen haben. Am meisten von der Europhorie überrascht zu sein, scheint die Band selbst, die erstaunt fragt, wie es denn sein könne, dass sie an vier Abenden in dieser Stadt spielen, und die Fans immer da sind. „Bei vier wird dann verreist und du kommst mit“, heißt es im Titelstück des Albums Schwan, dem in meinen Augen zweitbesten Song, den diese Band jemals geschrieben hat (Damit dem zweitbesten Punkrocksong, den überhaupt jemals eine Band in deutscher Sprache geschrieben hat). „Gefühle bleiben leise, gehen nie.“

Nach drei (!) Zugabenblöcken ist dann Schluss. „Beachten Sie den Orbit, Mondaufgang, Sternenstaub. Beachten Sie links und rechts ihre Nachbarn. We are on the way to find you… So please forget who you are