1418 Views |  Like

Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Und er hat es wieder getan. Schon wieder legt Haruki Murakami einen Roman vor, der so viel besser zu sein scheint, als alles, was ich in letzter Zeit so gelesen habe. Und mit welcher Leichtigkeit dieser Autor inzwischen mit seinen Motiven spielt und damit die Erwartungen seiner Leser erfüllt. … oder gerade das nicht tut, wenn die es gerade am meisten erwarten.

Haruki Murakami ist ein verdammtes Genie. Wie sonst lässt es sich erklären, dass er in der Lage ist, eine tief melancholische Stimmung zu erzeugen, dabei aber so ziemlich jedes denkbare Klischee zu vermeiden? Die Stimmung in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Pinterest
  • Newsvine
  • Delicious
  • reddit
  • Tumblr
erinnert in weiten Teilen an Murakamis zu unrecht vollkommen unterschätzten Roman Afterdark
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Pinterest
  • Newsvine
  • Delicious
  • reddit
  • Tumblr
. Ich liebe diesen Roman, dennoch muss ich ehrlich gestehen, dass er vor Klischees nur so strotzte. Da saßen sich orientierungslose Teenager des Nachts in einem Diner gegenüber, da suchte ein Freier Zuflucht bei einer Prostittuierten, da spielte unablässig schwerer Jazz im Hintergrund. In Afterdark herrschten dunkle Töne vor, wie es sich für einen melancholischen Roman gehört.

Das Spiel mit Erwartungen

Sollte man meinen. Dass es auch vollkommen anders geht, zeigt Murakami (dieses verdammte Genie) in seinem neuen Roman. Darin erzeugt er eine ähnlich melancholische Atmosphäre, verzichtet aber gekonnt auf jene Bilder, die der Leser gemeinhin mit dieser Atmosphäre verbinden würde. Die Pilgerjahre spielen fast ausschließlich tags, insofern ist sie das perfekte Gegenstück zu Afterdark. Darüber hinaus bedienst sich Murakami einer Farbpalette, die sich in ihrer Breite so wohltuend von den Konventionen abhebt, dass es mir fast die Sprache verschlägt.

Die Geschichte ist dabei typisch-Murakami: Der Protagonist, Tsukuru Tazaki, ist nicht mehr ganz jung, aber auch ganz sicher noch nicht alt. Irgendwo Mitte 30 und mit seinem Leben eigentlich zufrieden. Gäbe es da nicht diese eine Wegscheide im Verlauf seines Lebens, die ihn bis heute nicht in Ruhe lässt. Tsukuru hatte gerade sein Studium aufgenommen, als ihm aus heiterem Himmel seine vier besten und einzigen Freunde die Bekanntschaft aufkündigten. Ein Ereignis, das den jungen Mann an den Rand des Todes und in eine scheinbar auswegslose Verzweiflung führte.

Tsukuru befreite sich aus der Verzweiflung und führte ein Leben, an dem andere Menschen kaum noch teilhatten. Bis er Sara kennenlernt und diese ihn drängt, den Ursachen für den Bruch mit seinen Freunden endlich, fast 20 Jahre später, auf den Grund zu gehen. Erst wenn er diesen tiefen Knacks in seiner Biographie aufgearbeitet hat, will sie mit ihm zusammen sein. Und so begibt sich Tsukuru auf seine Reise.

„Vielleicht hatte der brennende Schmerz, den er er im Traum durchlebte, ein Gegengewicht zu der Todessehnsucht gebildet, die ihn bis dahin unablässig beherrscht hatte, und sie getilgt. Wie ein starker Westwind die Wolken vom Himmel fegt. Ja, so könnte es gewesen sein, vermutete Tsukuru.“

Das (verdammte) Genie Murakamis äußerte sich vor allem immer in der geschickten Verknüpfung von Realität und Surrealismus. Wie kein anderer gelang es ihm stets, surreale Elemente in die Leben ganz normaler Menschen zu schreiben und diese damit gehörig durcheinander zu bringen. Dieses Element, dieses Erzählschema findet sich in fast jedem Roman Murakamis. Dennoch lässt sich sein Werk leicht anhand seines Surrealismus-Gehalts in zwei Bereiche teilen. Auf der einen Seite stehen die stark durch die Phantastik inspirierten Werke (1Q83, Kafka am Strand, Hard-boiled Wonderland). Auf der anderen Seite finden sich die realistischen Werke (Naokos Lächeln, Südlich der Grenze, die meisten Kurzgeschichten).

Spuren des Zweifels

Nach dem Sci-Fi-lastigen Mammutwerk 1Q84

  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Pinterest
  • Newsvine
  • Delicious
  • reddit
  • Tumblr
ist für mich nun durchaus eine Überraschung gewesen, dass Murakami mit  die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki nun ein Werk vorlegt, dass sich so eindeutig der realistischen Werkgruppe zugehörig wähnt. Aber ist es das denn tatsächlich? Vielleicht macht gerade das dieses verdammte Genie aus, dass es dem Autor gelingt, in seinem Leser Erwartungshaltungen aufzubauen, die sich aus seinen eigenen Leseerfahrungen speisen. Wer Murakami aufmerksam liest, lernt dabei, die Dinge nicht so zu akzeptieren wie sie sind. Je reifer Murakamis Schreiben wurde, desto komplexer wurden auch seine Geschichten, desto bildreicher wurde seine Sprache. Murakamis Romane zeichnen sich nur zu oft dadurch aus, dass sie sich einer abschließenden Bewertung fast völlig entziehen, zu unabgeschlossen wirken manche Handlungdstränge, zu viele offene Fragen scheint es noch zu geben. Liest man diese Romane dann ein zweites, ein drittes mal, erschließen sich nur all zu oft die Antworten auf diese Fragen. Wie ein Puzzle scheinen sich plötzlich die Teile ineinanderzufügen, deren Bedeutung sich allerdings erst erschließt, wenn man das Große, das Ganze vor sich sieht.

Im Zentrum der Pilgerjahre steht ein Rätsel, dessen Lösung Murakami offen lässt. Selbst in Interviews sagt er, er würde die Lösung nicht kennen, dass der Roman ohne dieses Rätsel aber nicht auskomme. Was Haruki Murakami, dieses verdammte Genie, hier tut, ist nichts anderes eine Aufforderung an seine Leser, sich ihre Version der Geschichte zu denken. Die Pilgerjahre können buchstabengetreu als realistischer Roman gelesen werden. Er kann aber auch im Kontext des Gesamtwerkes dieses großen Schriftstellers gelesen werden. Und dann verschiebt sich so mancher Blickwinkel. In 1Q84 zitierte Murakami Tschechow, der sagte, wenn in einer Geschichte ein Gewehr vorkommt, müsse es auch abgefeuert werden. Anders ausgedrückt: In einer guten Geschichte muss jedes Element seinen Zweck erfüllen. Geht es wirklich um die Aufklärung der Ungerechtigkeit, die dem Protagonisten in dessen Jugend widerfuhr oder sind die Pilgerjahre nicht viel mehr die Zeit zwischen damals und heute, und die eigentliche Frage die, was denn das Wesen des nur scheinbar so farblosen Herrn Tazaki wirklich ausmacht?

Nach Murakami ist alle Literatur sinnlos

Wie wahrscheinlich ist es da, dass Murakami ohne Grund eine lange Anekdote in seine Erzählung einfügt, die scheinbar nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun hat? Wie wahrscheinlich ist es, dass der Protagonist offenbar Schwierigkeiten hat, Traum und Realität auseinanderzuhalten, ohne dass sich dies auf den Lauf der Geschichte auswirkt? Deutet er die in der Vergangenheit liegenden Alkoholprobleme des Protagonisten grundlos immer wieder an, oder hat es doch etwas damit auf sich. Es scheint, als sei Tsukuru Tazaki keineswegs so farblos, organisiert und arm an Facetten, wie es Buchtitel und Selbstwahrnehmung des Protagonisten suggerieren. Die Pilgerjahre scheinen ein offenes Ende zu haben, das ist richtig. Und doch gelingt es Murakami, Spuren des Zweifels zu säen, die sich beim Nachdenken über dieses große Buch zu einem Lösungsweg zu verdichten scheinen. Vielleicht spielt Murakami an diesen Stellen aber auch nur mit den Erwartungen seiner Fans, die schlicht auf der Suche nach dem Surrealistischen sind und es einfach nicht fassen können, dass Murakami auch anders kann. Wahrscheinlich ist es das, was dieses verdammte Genie so auszeichnet.

Die Pilgerjahre der farblosen Herrn Tazaki ist ein Kunstwerk und als solches braucht es Zeit. Zeit zu atmen, Zeit sich zu entfalten, Zeit zu wirken. Allein das Arrangement seiner Bilder, die Schönheit der Sprache (einmal mehr brillant durch Ursula Gräfe ins Deutsche übertragen) und die Verschachtelung von Zeitebenen, die Murakami vornimmt, als sei es das leichteste der Welt machen deutlich, wie großartig dieser Schriftstelle ist. Nach Murakami scheint alle Literatur sinnlos. Und so schließt du dieses Buch und deine Augen und verweilst noch einen Moment in dieser wundervollen Melancholie, die nur ein Schriftsteller wie Murakami erschaffen kann.