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Spaceman Spiff, 22.01.2014, Magnet, Berlin

Das sind so Sätze, die geradezu darum betteln, großformatig an Häuserwände geschrieben zu werden. Vorwärts ist keine Richtung, aber alle rennen mit. An diesem Abend rennen wir in den Kreuzberger Magnet-Club um Spaceman Spiff zu sehen, diesen Typen, der gerade das beste Album des Jahres veröffentlicht hat. Ich weiß, 2014 ist noch jung, aber was soll denn da jetzt noch kommen?

Temperaturwahrnehmungen sind ja stets subjektiv geprägt. Ich habe es am liebsten, wenn das Thermometer um die 20° anzeigt. Mit dem plötzlichen Wintereinbruch in Berlin komme ich nicht klar, da bin ich ehrlich. Wer rechnet denn im Januar auch mit solchem Mist? Ich friere fürchterlich, als ich vom U-Bahnhof zum Magnet-Club gehe. Ganz anders eine Gruppe, offensichtlich gleichermaßen betrunkener, wie leicht bekleideter Engländerinnen, die neben dem schlesischen Tor im Schnee tollt. Die „Ashley, you’re a bitch!“-Rufe im Rücken denke ich an das letzte mal, als ich Spaceman Spiff sehen durfte. Im Sommer vor zwei oder drei Jahren war das, auf dem Jenseits von Millionen-Festival. Während es mir heute viel zu kalt ist, war es damals viel zu heiß. Warum spielt dieser Typ eigentlich nie im Frühling oder zum Herbstanfang, oder einfach an irgendeinem Tag, an dem man gern vor die Tür geht?

Wie der gut gefüllte Magnet-Club beweist, bin ich aber nicht der einzige, der sich an diesem Abend vor die Tür getraut hat. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass „Endlich Nichts

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“ ein ganz großer Wurf ist und sich vor Genre-Klassikern wie ClickCklickDeckers „Nichts für ungut“ oder Tomtes „Hinter all diesen Fenstern“ nicht verstecken braucht. Gespannte Erwartungenmachen sich breit, die an diesem Abend überraschend von keiner Vorband strapaziert werden.

Und dann haucht haucht Hannes Wittmer alias Spaceman Spiff, auf Zehenspitzen stehend, mit geschlossenen Augen über sein Mikrofon gebeugt diese wundervollen Sätze, die ganz bestimmt nicht nur mir eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Nur weil alle andern reden, heißt das nicht, sie haben recht. Wie lange habe ich auf dieses Gefühl gewartet, endlich wieder Popsongs zu hören, denen ich so bedingungslos zustimmen kann, wie diesen? Ihre Schultern zucken auf die Fragen, die sich stellen, meine Mundwinkel bewegen sich reflexhaft nach oben. Ich muss gestehen, so richtig textsicher bin ich bei den neuen Stücken noch nicht. Da ist es schön, dass das naturgemäß von neuen Stücken geprägte Set immer wieder von den alten Hits aufgelockert wird. Wie oft habe ich in den letzten Jahren Straßen gehört und immer wieder diese wunderbare Zeile, Ich allein, gegen all die roten Ampelmännchen, zitiert? Für ihre Verhältnisse sei das ja schon fast Punk, witzelt die Band auf der Bühne, als sie ein schnelleres Stück anspielt.

Als ich Spaceman Spiff das letzte mal sehen durfte, trat er allein auf. Zur Zeit ist er in voller Bandstärke unterwegs und das tut den Songs gut. Natürlich gilt das vor allem für die schnelleren Stücke. Gerade aber auch bei dem „Lied über die andere Stadt“ (Hamburg) schafft die Akkordeon-Begleitung durch Schlagzeuger Jonny König (fame of Stoiber on Drums) ganz viel Atmosphäre. Denn auch wenn alle Photonen der Welt, das nicht erleuchten können, können alle Kanonen der Welt, das nicht zerstören. Um mich herum: Ein Chor aus lächelnden Gesichtern.

Ich möchte das Wort „Gänsehaut“ in diesem Text nicht überstrapazieren, wenn es sich aber in einem Zusammenhang aufdrängt, dann beim Nachdenken über das Lied Wände, einem der stillen Hits des neuen Albums, mit dem der Zugabenblock an diesem Abend eingeleitet wird. Du kamst für den Strand unter deinen Füßen und gingst mit Sand in den Schuhen. Die Zukunft in deinem Blick kam in der Gegenwart zum ruhen. Wie gern würde ich diese Zeilen all jenen entgegen rufen, die in diesen Tagen über die naiv-einfältigen Sinnsprüche einer Julia Engelmann jubilieren. Und dein Mut baut sich ein Fahrrad aus Zweifeln und fährt darauf davon. In Rezensionen werden an dieser Stelle meist Vokabeln wie „erwachsen“ (positiv) oder „befindlichkeitsfixiert“ (negativ) aufgerufen. Ich belasse es an dieser Stelle dabei, dass diese Musik einfach schön ist und mir gerade jetzt genau das gibt, was ich brauche.

Das Konzert endet schließlich mit Han Solo und man muss kein Prophet sein um zu erkennen, dass es sich dabei um einen der großen Hits handelt, die uns weit über das Jahr 2014 hinaus erhalten bleiben werden. Spaceman Spiff wird bald auf größeren Bühnen spielen und das ist gut so. Vielleicht ja auch endlich mal bei angenehmen Temperaturen.