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Einen Monat ohne: Gemüse statt Böller.

Ob mir denn schon etwas fehlen würde, fragte meine Mitbewohnerin beim Neujahrsbrunch am 2. Januar. Natürlich nicht, antwortete ich, ich mache das ja erst ein paar Tage. Tatsächlich lief meine erste Woche ohne Fleisch erstaunlich rund. Den Versuchungen habe ich widerstanden und zugleich vieles gelernt, was ohne so wohl kaum passiert wäre. Silvester stellte eine kleine Herausforderung dar.

Die Speisekarte hört ja gar nicht nach „Döner mit extra Fleisch“ auf!

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq stellte in einem Interview mit Denis Scheck einmal fest, dass er seinen Hund ein wenig beneidet. Der sei sehr genügsam, würde jeden Tag das gleiche fressen und keine großen Ansprüche stellen. Er, Houellebecq, würde sich diesen Lebensstil auch gern zu eigen machen, es würde ihm aber wohl schwer fallen. Anders als Houellebecq bin ich ein absolutes Gewohnheitstier. Und das äußert sich vor allem auch in meinen Essgewohnheiten. Gibt es Pizza, entscheide ich mich in der Regel für Thunfisch oder irgendwas scharfes mit Paprika und Hackfleisch. Beim Dönermann habe ich noch nie etwas anderes als den klassischen Döner bestellt, wenn ich koche, dann am liebsten Bolognese oder Chili con Carne und beim Asiaten gibt es für mich stets gebackenen Reis mit Hühnerfleisch. Gab es, muss es jetzt heißen, denn diesen Lieblingsspeisen habe ich bekanntlich entsagt.

Schwierig gestaltete sich in diesem Zusammenhang die Bestellung des Silvesteressens. Keiner der verfügbaren Lieferdienste bot gebackenen Reis ohne Fleisch an. Auch ansonsten war die Auswahl an vegetarischen Hauptspeisen eher gering. Am Ende gab es Gemüse, Reis und Kokosnusssauce. Und es war großartig. Beim Mitternachtsdöner nach dem tollen Konzert von Petethepiratesquit hätte ich natürlich einfach einen Döner ohne Fleisch ordern können. Ich entschied mich jedoch dazu, die Karte weiter zu studieren. Überraschung: Die Karte des Dönerimbisses hört gar nicht nach den Einträgen

  • Döner

  • Döner mit extra Fleisch

  • Döner ohne Fleisch

auf, wie ich immer dachte. Für mich gab es als Mitternachtssnack Pide. Sicher nicht zum letzten mal, es hat nämlich toll geschmeckt. Gleiches gilt auch für Pizza mit Spinat oder Antipasti. Schwierigkeiten bereitet eine solche Ernährungsumstellung da nicht. Ganz im Gegenteil: Ich entdecke gerade so viel Neues, dass ich wohl nie probiert hätte, wäre ich dem alten Trott treu geblieben. Heute Abend wird gekocht, ich bin gespannt. Meine letzten vegetarischen Kochversuche sind vor einigen Jahren noch weitgehend gescheitert. Ich bin allerdings zuversichtlich.

Ekel.

Außerdem habe ich in den letzten Tagen viel gelesen. Zum einen Blogs im Internet, zum anderen das Buch „Tiere essen

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“ von Jonathan Safran Foer. A hatte mir dieses Buch vor eine, Jahr empfohlen. Gerade für Fleischesser, die für das Thema bereits sensibilisiert sind, könnte es den entscheidenden, letzten Anstoß geben.

Tatsächlich fällt es mir nach den Schilderungen in diesem Buch schwer, mir vorzustellen irgendwann wieder zu meinem alten Ernährungsstil zurückzukehren. Dass Massentierhaltung eine gewaltige Schweinerei ist, war mir natürlich bekannt. Die plastische Darstellung der Umstände und die Einordnung in größere Zusammenhänge dieses Problems nimmt Safran Foer allerdings auf eine Art und Weise vor, die sich im Kopf ganz tief festsetzt und damit nachhaltig Eindruck macht. Ich werde in den nächsten Tagen sicher noch eine Rezension verfassen.

Wer mich kennt und/oder diesen Blog regelmäßig liest, weiß dass ich eine Leidenschaft für Science-Fiction-Literatur habe. Eines der, in meinen Augen, eindringlichsten Bücher dieses Genres stammt von Kazuo Ishiguro und trägt den Titel „Alles, was wir geben mussten

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“. Darin beschreibt der Autor, wie in einer nahen Zukunft menschliche Klone leben, deren einziger Lebenssinn darin besteht, zu einem gegebenen Zeitpunkt als Organspender zu dienen. Je nach Schwere der Eingriffe ist und der Wichtigkeit der entnommenen Organe, können diese Spender schließlich nur auf ein kurzes Leben blicken. Sie werden geboren, um anderen als Ersatzteillager zu dienen. Bei Safran Foers Schilderungen der industriellen Fleischproduktion musste ich unwillkürlich wieder an diesen Roman denken. Ishiguro anhand von Menschen beschreibt, findet in der Realität bei Tieren statt. Allerdings mit dem zentralen Unterschied, dass ihr Leiden keinem anderen Wesen das Leben ermöglicht. Dabei geht es schließlich nur um die Produktion von Genussmitteln. Werde ich jemals wieder in ein Hähnchenschnitzel beißen, ohne dass mir solche Gedanken gehen? Ich glaube nicht.

Und sonst?

Viele Menschen haben mir geschrieben, Erfolg gewünscht, Tipps gegeben, Hilfe angeboten. Danke, Leute! Es ist ja tatsächlich so, dass es für eingefleischte Vegetarier (entschuldigt dieses Wortspiel) nach keinem großen Deal klingt, was ich hier mache. Für mich ist es das aber und deshalb bin ich über jeglichen Zuspruch dankbar.

In der WG reden wir in letzter Zeit verhältnismäßig viel über das Essen. Ein gutes Zeichen. Reflexion statt blindem Konsum. Gestern wurde mein hervorragender Blutdruck gelobt. Der war sicher nie wirklich schlecht, hervorgehoben hat das aber bislang niemand. Ob das mit dem Fleischverzicht zu tun hat? Keine Ahnung.

Das soll für heute reichen. Ich gehe erstmal einkaufen, so eine vegetarische Bolognese kocht sich schließlich auch nicht nur mit Wasser. Bis zum nächsten mal.