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Einen Monat ohne: Fleischparty

Es ist schon komisch, wie erstaunt manche Leute sind, wenn sie zu Kenntnis nehmen, dass ich kein Fleisch mehr esse. Während die Reaktionen im Freundeskreis überwiegend positiv sind, erwarte ich in der Familie eher skeptische Töne.

Es ist tatsächlich so, dass in meiner Familie seit jeher ausgesprochen viel Fleisch gegessen wird. Ich bin damit aufgewachsen und kannte es kaum anders. Nicht zuletzt deshalb erschien mir die Ernährungsumstellung zunächst so schwer. Gerade deshalb sah ich mich zur Mitte des Monats allerdings auch mit einer besonderen Herausforderung konfrontiert: Der Geburtstag meiner Mutter stand an, ein runder Geburtstag noch dazu, entsprechend groß war die Feier. Das Buffet hielt, wenig überraschend, nur wenig für Vegetarier bereit. Frikadellen, Schnitzel, Soßen mit Hack und Geschnetzeltem. Für mich blieben nur Salat und die sogenannten Sättigungsbeilagen. Lauwarme Kroketten können auch satt machen, klar, ein Festmahl ist das aber trotzdem nicht. Der Versuchung, nach dem Schnitzel zu greifen, konnte ich dennoch widerstehen.

Und das fiel mir erstaunlich leicht. Der Abend der Feier markierte das Ende der ersten zwei Wochen meines Selbstversuchs. Und schon zu diesem Zeitpunkt fiel mir der Verzicht nicht mehr wirklich schwer. Darüber erstaunt ist wohl niemand so sehr, wie ich selbst. Ich gebe zu, dass es noch immer schwache Momente gibt, in denen mich der Geruch von gebratenem Fleisch in Versuchung führt. Bislang bin ich jedoch standhaft geblieben und das, obwohl ich, während ich diese Zeilen schreibe, die Monatsmarke bereits überschritten habe.

Das Nachdenken über das, was ich esse hat in mir tatsächlich relativ schnell Früchte getragen. Der Satz „Ich bin Vegetarier“ ist mir noch immer nicht über die Lippen gegangen, auch wenn ich mich immer mehr so fühle. Das merkte ich beispielsweise, beim Lesen eines Blogartikels, der die These vertritt, Vegetarier würden ein größeres Blutvergießen anrichten, als sich ihrer Ernährung bewusste Fleischesser. Der Artikel löste innerhalb kürzester Zeit eine heftige Kontroverse aus, wie sie in der deutschen Blogosphäre nur selten vorkommt.

Worum es ging? Felix Olschewski hat auf seinem Blog „Urgeschmack“ einen Artikel gepostet, der mit Quellen angereichert argumentiert, dass der Anbau von Weizen, Korn und Soja in Monokulturen mehr „fühlende Wesen“ in Mitleidenschaft zieht, als die Produktion von Weidefleisch. Olschewski geht es also um eine bewusste Ernährung, die durchaus Fleisch beinhaltet, aber Wert darauf legt, dass dieses Fleisch eben nicht in industrieller Massentierhaltung entsteht. Den gesamten, sehr lesenswerten Artikel gibt es hier.

Interessant war die anschließende Diskussion, die sowohl um Urgeschmack-Blog, als auch auf Facebook ausbrach und in der sich weder Fleischesser noch Vegetarier und Veganer sonderlich mit Ruhm beckleckert haben. Interessant für mich war dabei aber vor allem, wie schnell ich meine Argumente bei der Hand hatte (ohne aktiv in die unsäglichen Diskussionen einzusteigen): Klar, Monokulturen sind Scheiße, aus meiner Beschäftigung mit dem Thema wusste ich aber inzwischen auch gut genug, dass ein Großteil der dort produzierten Lebensmittel für Mast in der Massentierhaltung verwendet wird. Sicher, Olschewski propagiert ja auch gerade das ökologisch-korrekte Weidefleisch, das damit nichts zu tun hat. Doch stellt sich doch die Frage, wie viele von den Fleischbefürwortern in der Diskussion streng darauf achten, nur Weidefleisch zu konsumieren und keine Fleischerzeugnisse aus industrieller Massentierhaltung. Meine Vermutung: Nicht sehr viele.

Ohne das Thema weiter vertiefen zu wollen, steht für mich im Kern die Erkenntnis, dass ich im Kopf offenbar längst die Seiten gewechselt habe. Nein, ich behaupte noch immer nicht, dass ich Vegetarier bin. Aber irgendwie fühle ich mich schon fast wie einer.