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In golden Tears + Asbjorn, 4. Dezember, Privatclub, Berlin

Ich könnte diesen Text damit beginnen, dass ich feststelle, dass ich schon ewig nicht mehr wegen der Vorband auf ein Konzert gegangen bin, dass In golden Tears aber schließlich auch viel zu gut sind, um als Vorband abgestempelt zu werden. Ich könnte damit weitermachen, zu erzählen wie oft ich schon auf Konzerte dieser Band gehen wollte, die dann schließlich immer ausgefallen sind. Ich könnte aber auch einfach damit einsteigen, festzustellen, dass mir In golden Tears an diesem Abend im Privatclub eines der besten Konzerterlebnisse des Jahres beschert haben. Und das, obwohl die Band nur eine halbe Stunde gespielt hat. Ich glaube, das wäre ein guter Einstieg.

In golden Tears sind so viel mehr als die „deutschen Editors“

Aber Popmusik, und vor allem das Schreiben über Popmusik, lebt nun mal vor allem von Geschichten und so kommt hier doch zunächst die Rückblende. Ziemlich genau zwei Jahre vor diesem denkwürdigen Abend in Kreuzberg hing ein unscheinbarer weißer Zettel an der Tür der Turmbühne des Jenaer Kassablanca. In golden Tears müssten das Konzert leider krankheitsbedingt absagen. Als Ersatz stünde allerdings eine Band aus Leipzig bereit. Die Band aus Leipzig, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann, konnte diese Lücke natürlich nicht füllen. In golden Tears eilte damals schon der Ruf voraus, eine wahnsinnig gute Band zu sein. Menschen, deren Musikgeschmack ich traue sprachen damals von den deutschen Editors und dem Next Big Thing. Ich kannte nur die Single dieser Tage: Urban Emotions war großartig, die Beschriftung der Repeat-Taste meines CD-Players irgendwann kaum noch zu lesen. Das Spiel wiederholte sich einige Monate später in Erfurt. Wieder musste die Band absagen, wieder war ich enttäuscht. Als im letzten Jahr F anrief um zu fragen, ob ich Lust hätte aufs Jenseits-Festival zu fahren sagte ich zu, warnte ihn aber vor. Wenn er dort unbedingt In golden Tears sehen wolle, sollte ich besser fernbleiben. Die Chemie zwischen mir und der Hamburger Band würde schließlich irgendwie nicht stimmen. Wir fuhren auf das Festival, auf dem am Morgen des zweiten Tages unscheinbare weiße Zettel verkündeten, dass In golden Tears leider krankheitsbedingt absagen müssen. Verflucht noch mal…

An der Tür des Privatclubs hing kein unscheinbarer weißer Zettel. Na endlich. Ich muss gestehen, ich habe die Band beinahe vergessen. Das schon so lange Zeit erwartete Album ist immer noch nicht erschienen, statt dessen kam mit Sizarr wie aus dem nichts eine Band, die einen sehr ähnlichen Stil spielte, eine sensationelle Platte gemacht hat und keine Konzerte abgesagt hat, auf die ich gehen wollte. (Frage an mich selbst: Warum habe ich eigentlich nie über Sizarr geschrieben?) An die Klasse von Urban Emotions ist bislang jedoch wenig herangekommen. Außer vielleicht Underneath the Balance, die zweite Single. Aber die ist ja auch schon wieder so alt, dass man sie kaum noch ruhigen Gewissens als aktuell beschreiben kann.

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Was überrascht ist, dass das Set von In golden Tears keineswegs auf diese beiden Hits ausgerichtet ist. Die Qualität der Songs, die in dieser sehr knappen halben Stunde gespielt werden ist hoch, das Album (wenn es dann mal irgendwann erscheint) wird gut werden, daran besteht kaum ein Zweifel. Die Band auf der Bühne sieht gereift aus. Während in den Musikvideos noch Milchbubis an den Instrumenten stehen, wirkt die Truppe heute deutlich erwachsener. Die Jungs scheinen gearbeitet zu haben. Hoffentlich zahlt sich das aus, durch ein starkes Debutalbum und eine Headlinertour im kommenden Jahr.

Den Namen Asbjorn habe ich sicher bald wieder vergessen

Im Privatclub herrscht unterdessen eine etwas eigenartige Atmosphäre. Normalerweise ist das Berliner Publikum etwas träge, wenn es um die Opener von Konzerten geht. Heute Abend herrscht hingegen eine seltsame Zweiteilung. Während sich bei Beginn des Sets direkt eine große Traube Menschen vor der Bühne sammelt, bleibt der große Rest irritiert im Hintergrund stehen. Nein, ich bin nicht der Einzige, der an diesem Abend wegen In golden Tears nach Kreuzberg gefahren ist. Nach Ende dieser tollen halben Stunde, von der sich die vermeintlichen Vorbilder von Editors noch einiges abschauen könnten, trete ich dann zur Seite. Den Headliner des Abends, Asbjorn, kenne ich nicht. Neugierig bin ich trotzdem, Begeisterung kommt aber nicht auf. Asbjorn spielt ziemlich durchschnittlichen Elektropop ohne große Höhepunkte. Kann man sich anhören, muss man aber nicht. Weil er dabei tanzt wie Robyn und dieser auch nicht gerade unähnlich sieht, fühle ich mich ein bisschen wie bei einer Coverband. Nur dass diese Coverband keine Lust auf die großen Hits hat. Mir ist es egal. Die Band, die ich sehen wollte, habe ich gesehen und sie war gut.

Dass ich an diesem Abend trotzdem etwas wichtiges verpasst habe, sollte ich erst drei Wochen später erfahren. Aber das ist eine andere Geschichte. Hoffentlich ohne unscheinbare weiße Zettel.