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Die Sache mit dem Fleisch. Prolog zur Blogserie: Einen Monat Ohne.

Wann hast du eigentlich das letzte mal über dein Essen nachgedacht? Ich meine nicht darüber, zu welcher Dönerbude du heute gehst oder ob du mehr Lust auf einen Burger oder eine Pizza hast. Wann hast du dir das letzte mal Gedanken darum gemacht, was da eigentlich konkret auf dem Teller liegt? Wo es herkommt? Wie es hergestellt wurde? Welche Konsequenzen womöglich damit verbunden sind? Wer hat eigentlich gesagt, dass es täglich Fleisch geben muss und was wäre denn, wenn es nicht so wäre? Ich mache den Selbstversuch: Einen Monat lang, den ganzen Januar, werde ich kein Fleisch essen. Und ich werde das hier im Blog dokumentieren.

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Eigentlich esse ich gern Fleisch.

Zu Beginn will ich mich direkt outen. Ich esse gern Fleisch. Sehr gern sogar. Ich liebe Döner, esse wahnsinnig gern Burger, auf der Pizza schmeckt mir den Thunfisch am besten, mein Rührei kommt eigentlich nie ohne Schinken aus. Und doch gibt es da schon seit längerem den Gedanken, dass das alles so vielleicht nicht Ordnung ist. Da sind die politischen und ethischen Gründe auf der einen Seite, da ist aber vor allem auch die Frage, ob der übertriebene Fleischkonsum unserer Gesellschaft nicht auch eine Verrohung unserer (Ess-)Kultur darstellt. Unsere Großeltern haben sich früher noch eine Woche lang auf den Sonntagsbraten gefreut. Der Begriff ist inzwischen jedoch fast aus unserem Wortschatz verschwunden. Wir brauchen ihn nicht mehr, den Braten gibt es inzwischen schließlich auch von Montag bis Samstag. Er ist nichts besonderes mehr.

Der springende Punkt: Er sollte es sein. Für den Braten hat ein Tier sein wertvollstes gegeben. Sein Leben. Wie für den fetten Braten sind auch Tiere für die Currywurst und den Döner vom Imbiss um die Ecke gestorben. Für Mahlzeiten also, die vorzugsweise „unterwegs“ eingenommen werden, für die es damit fast gar keine Wertschätzung mehr gibt. Allein diese Überlegung macht traurig. Ich hatte mal einen Arbeitskollegen, für den Essen mehr war als nur die Aufnahme von Nährstoffen. Wenn M. gegessen hat, legte er zwischendurch stets sein Besteck zur Seite, hat intensiv gekaut, dabei das Gericht vor ihm betrachtet und mit dem Kopf genickt. Er hat sein Essen gelobt und ihm damit still seine Wertschätzung bezeugt. Wir haben damals oft Witze über dieses Ritual gemacht, dabei war es absolut vernünftig. Obwohl M. kein Vegetarier war, war seine Einstellung zum Essen deutlich gesünder, als es die der meisten Menschen ist. Ja, auch als es meine ist.

Fleischkonsum ist zu bequem

Dabei habe auch ich mich geändert. Früher habe ich mich gefreut, wenn es in der Uni-Mensa ein großes Schnitzel für 1,50€ gab. Heute würde ich es vermutlich nicht mehr anrühren, irgendwas kann mit diesem Fleisch schließlich nicht stimmen. Wie sonst soll so ein Preis zustande kommen? Aber gilt das nicht für den Döner und den Burger genauso? Ich habe meine Essgewohnheiten dahingehend geändert, dass es bei mir nicht mehr täglich Fleisch gibt. Komplett darauf verzichten konnte ich allerdings nie für einen längeren Zeitraum. Dafür mag ich dessen Geschmack zu sehr, und dafür ist der Fleischkonsum schlicht zu bequem. Fleisch gibt es immer, um eine vegetarische Alternative muss hingegen oft erst gebeten werden.

Etwas erschrocken war ich, als ich nach den Weihnachtsfeiertagen rekapituliert habe, was ich in diesen Tagen, die ich bei meiner Familie verbracht habe, gegessen habe. Tatsächlich gab es zu jeder Mahlzeit Fleisch oder Wurst. Das heißt täglich drei mal. Ist das in Ordnung? Ist das richtig? Ist das gesund? Ich glaube nicht. Inzwischen bin ich zurück in Berlin und davon überzeugt, etwas anders machen zu müssen.

Ich werde den gesamten Januar kein Fleisch essen. Ich werde meine Erfahrungen mit dieser Ernährungsumstellung an dieser Stelle dokumentieren. Vegetarier werden mich dafür sicher belächeln, für mich allerdings ist das ein wichtiger und folgerichtiger Schritt. Wie gesagt, habe ich meinen Fleischkonsum in den letzten Monaten ohnehin schon stark eingeschränkt. Warum nun nicht den nächsten Schritt wagen und den kompletten Verzicht üben? Zumindest für einen abgesteckten Zeitraum muss das möglich sein. Als ich hier im Blog meine Vorbereitung auf den Marburger Halbmarathon dokumentiert habe, hat mir diese Form der sozialen Kontrolle geholfen, meine Ziele zu verfolgen. Warum sollte es diesmal anders sein? Wenn der Blog auch keine Disziplinaranstalt im foucaultschen Sinne werden soll, so soll er mich doch für die nächsten Wochen daran erinnern, was ich vorhabe.

Und dann?

Einen Monat Ohne. Und dann? Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir nicht vorstellen, dass ich jemals strikter Vegetarier werde, auch wenn ich mir das irgendwie durchaus wünsche. Aber mir schmecken verschiedene Fleischgerichte einfach zu gut, als dass ich mir vorstellen könnte für immer darauf zu verzichten. Ein Sommer ohne Bratwurst vom Grill? Undenkbar! Ich glaube aber, dass mir die Bratwurst deutlich besser schmecken wird, wenn ich sie als das betrachte, was sie eigentlich ist: Ein Genussmittel, das in Maßen und nur gelegentlich konsumiert werden sollte.

Und damit das ganze hier nicht wirkt wie ein blöder Neujahrsvorsatz: Ich bin seit zwei Tagen wieder in Berlin. Seit dem hatte ich eine Mahlzeit für die ein Tier sterben musste: gestern Abend gab es Fisch. Ich gelobe, dass dieser Fisch das letzte Tier war, das für mein leibliches Wohl sein Leben geben musste. Zumindest bis zum ersten Februar. Vielleicht aber auch für länger. Hoffentlich.