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Weshalb die Tribute von Panem ziemlich reaktionaerer Quark sind

Gerade herrscht mal wieder mächtig viel Trubel. Der zweite Teil der Tribute von Panem läuft in den Kinos an und die Medien überschlagen sich geradezu in ihren Lobeshymnen über die Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence und den Hype im Allgemeinen. Und dann werden kreischende Teenies interviewt, die Natürlichkeit der Darsteller gelobt und das Besondere dieser Filmreihe abgefeiert ohne dass auch nur eine kritische Stimme laut wird. Tatsächlich sind die Tribute von Panem ziemlich reaktionärer Quak. Nur scheint das Niemandem aufzufallen.

Tribute von Panem? Worum geht’s da eigentlich?

Ok, wer weder die Bücher gelesen, noch den ersten Film gesehen hat: Hier die Kurzzusammenfassung. Auf den Trümmern Nordamerikas ist ein autoritärer Staat entstanden, der aus 12 Distrikten und einer allmächtigen Hauptstadt besteht. Während eines Bürgerkriegs hat die Hauptstadt alle Provinzen diszipliniert, was soweit ging, dass Distrikt 13 völlig dem Erdboden gleich gemacht wurde. Um die Bevölkerung an die Machtfülle der Hauptstadt zu erinnern und weitere Aufstände zu verhindern werden in jedem Jahr aus jedem der Distrikte zwei Teenager entsandt um in einer Arena gegen die Kids aus den anderen Provinzen bis auf den Tod zu kämpfen. Gewinnen kann schließlich nur einer. Im 74. Jahr der Spiele (Teil 1) muss Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) für Distrikt 12 in die Arena. Dort verhält sie sich aber erstaunlich menschlich und mitfühlend, was in den Distrikten zu Unruhen gegenüber dem Regime führt, die schließlich zu offenen Aufständen (Teil2) und schließlich einem Angriff auf die Hauptstadt führt (Teil 3).

Und was ist daran jetzt so problematisch? Klingt doch spannend!

Ist es auch. Tatsächlich ist das erste Buch echt gut. Das zweite lässt stark nach und das dritte ist eine einzige Katastrophe. Je weiter die Lektüre allerdings voran schritt, desto mehr runzelte ich die Stirn. Warum? Weil mir die Symbolik immer deutlicher vor Augen trat. Natürlich kann man die Die Tribute von Panem

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als Kritik an Ungleichheit und Diktaturen lesen. Diese Kritik steckt in den Büchern auch zweifelsfrei drin, interessant ist jedoch das Antriebsmoment dieser Kritik. Grund für die Ungleichheit in Panem sind nämlich keineswegs innergesellschaftliche Umstände sondern die von der Hauptstadt ausgehende Repression. Tatsächlich wird in den Distrikten bis nahe an den Hungertod malocht während die Bürger in der Hauptstadt in wie auf Wolke sieben leben. Kein Wunder dass sich die Distrikte dagegen irgendwann auflehnen, oder?

Diese Symbolik der rechtschaffenen Provinz die von einer unnahbaren Regierung, irgendwo fernab der Heimat regiert, wird entspricht komplett der Ideologie der amerikanischen neoliberalen Rechten. Die Zahl 13 ist dabei natürlich kein Zufall. Ein Blick in die amerikanische Geschichte zeigt, dass es ein 13 Kolonien waren, die sich im Unabhängigkeitskrieg vom britischen Mutterland getrennt haben. Darauf bezugnehmend ergreift im aktuellen politischen Diskurs in den USA die rechtsradikale/ neoliberale Bewegung der Tea Party Partei gegen die Bundesregierung im fernen Washington DC, die die rechtschaffenen Bürger durch Überregulierung drangsaliert. Ziel der Tea Party ist es (unter anderem), eine schwache Regierung zu schaffen die den Bürgern ein Höchstmaß an Freiheit gewährt. Im Zweifelsfall auch die Freiheit, an einem Schnupfen zu sterben weil eine staatliche Krankenversicherung bereits als repressiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte angesehen wird.

Katniss Everdeen wird diesem tyrannischen Staat entgegengestellt. Sie lebt gemeinsam mit ihrer Familie in ihrem Heimatdorf, geht zum jagen in die Wälder und turtelt mit ihrem Freund rum. Rein platonisch natürlich, schließlich sind die beiden noch nicht verheiratet. Und jetzt kommt der Staat und schickt das arme Ding in die Arena, auf dass sich die dekadente Bevölkerung der Hauptstadt an ihrem Leid ergötzen kann. Eine ausgesprochen überspitzte Darstellung staatlichen Durchgreifens auf das Individuum. Foucault sprach da mal von Biopolitik…

Im dritten Teil der Reihe erhebt sich das darbende Volk schließlich gegen den repressiven Staat. Es ist diese Romantisierung des Volkswillens für den man ja fast so etwas wie Sympathie empfinden kann. Und Tatsächlich sind mir die Protagonisten im dritten Band schon so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mit ihnen gelitten habe. Autorin Suzanne Collins schreibt wirklich gut und intensiv, auch wenn die Handlung im Laufe der Trilogie zunehmend wirr wird. Wären da nicht diese unseligen Anklänge an die Realpolitik und die Ideologie des Neoliberalismus. Die Romantisierung der dörflichen Gemeinschaft wie sie schon Alexis de Tocqueville beschrieben hat, und das Recht des Individuums zum Widerstand gegen einen zu mächtigen Staat wie ihn schräge Vögel wie Hayek forderten, werden immer offensichtlicher, je weiter die Geschichte voranschreitet.

Und der Film?

Der macht noch furchtbar mehr falsch. Jennifer Lawrence (Winter’s Bone; X-Men:First Class) spielt ohne Frage grandios. Trotzdem ist die Tribute von Panem – tödliche Spiele so unsagbar oberflächlich, dass es kaum auszuhalten ist. Während im Buch noch deutlich darauf hingewiesen wurde, dass das Land Panem auf den Trümmern einer größeren Nation errichtet wurde, die aufgrund von Umweltzerstörung zugrunde ging, schweigt sich der Film zu diesem Thema völlig aus. Im Gegenteil, wenn Katniss zu Beginn des Films durch die Wälder streift, wirkt es fast als wäre sie im Paradies. Im Buch wird deutlich gesagt, dass es in den Wäldern von Distrikt 12 kaum noch Tiere gibt.

Der Film wurde hierzulande größtenteils als Kritik an der Medien- und Unterhaltungsbranche betrachtet. Im Mittelpunkt steht schließlich das TV-Event der Hunger Spiele. Diese Kritik an Big Brother und Konsorten setzt der Film aber zu keinem Zeitpunkt um, zu sehr macht er sich deren Ästhetik und Funktionsweise zu eigen. Kritik durch Reproduktion? Das funktioniert nicht, statt dessen macht der Film den Zuschauer zum Komplizen des Regimes, das er eigentlich kritisieren will, indem er ihm einen Spielteilnehmer vor die Nase setzt, mit dem man derart mitfiebert, dass man jedesmal erleichtert aufatmet, wenn wieder irgendwo ein anderer Teenager ins Gras gebissen hat. Und das alles wird in einer glatten Hollywoodästhetik umgesetzt, die viel zu nahe an ihren Gegenstand angelehnt ist, als dass sie sich davon noch wirkungsvoll abgrenzen könnte. Wie es richtig geht zeigte schon im Jahre 2000 Kinji Fukasatus Film Battle Royale

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, der sich ein ähnliches Thema vornahm.

Und jetzt?

Jetzt kommt in ein paar Tagen der zweite Teil der Tribute von Panem ins Kino. Darin werden die politischen Implikationen und die konservative Stoßrichtung noch offensichtlicher. An eine inhaltliche Diskussion glaube ich aber trotzdem nicht. Ansehen kann man sich das Ding aber trotzdem, schließlich spielt da neben der wundervollen Jennifer Lawrence die noch wundervollere Jena Malone (United States of Leland; Into the Wild; Sucker Punch) mit.