646 Views |  Like

Carsten Stroud, Niceville (Dumont, 2013)

Es gibt ein paar Dinge, die für mich eigentlich immer unverrückbar feststanden. Zum Beispiel, dass ich kein Fan von Krimis und Thrillern in Romanform bin. Im Film lasse ich mir das alles gefallen, in gedruckter Form können mich diese Genres aber irgendwie nur selten begeistern. Mit Niceville hat der kanadische Autor und Journalist Carsten Stroud dann aber doch einen Thriller vorgelegt, der es verstand, mich von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln. Dass Stroud keine Scheu zeigt, Genregrenzen auch hin wieder zu überschreiten wenn es seiner Geschichte dient, dürfte dazu beigetragen haben.

Irgendwas stimmt in Niceville nicht

Der Prolog liest sich zunächst wie ein klassischer Mysteryroman. Ein kleiner Junge verschwindet auf dem Heimweg von der Schule spurlos. Die Überwachungskamera eines Geschäftes zeigt, wie er sich scheinbar von einer Sekunde auf die andere in Luft auflöst. Die Polizei steht vor einem Rätsel: Nicht nur dass es keinerlei Spuren gibt, auch das Videomaterial lässt die Kleinstadtcops des Südstaatenortes Niceville verzweifeln. Als der Junge eine Woche später in der Gruft einer alten Familie auf dem hiesigen Friedhof auftaucht, die seit Jahrzehnten nicht geöffnet wurde, wird das Rätsel um sein Verschwinden nur noch größer. Eines steht fest: Irgendwas scheint in dem beschaulichen Südstaatenkaff Niceville nicht mit rechten Dingen zuzugehen.

Ein Jahr später. Eine Gruppe von Kriminellen raubt eine Bank aus und ist dabei ungewöhnlich erfolgreich. Die Gruppe zerbricht an ihrer Beute. Die örtliche Polizei scheint mit dem Fall sichtlich überfordert, zugleich sind ihre Kapazitäten noch immer auf das Verschwinden von Einheimischen konzentriert. Es scheint sich ein Muster abzuzeichnen, nach dem die Vermissten von Niceville zu den Nachkommen der Gründerfamilien der Ortes zählen. Diese fielen am Vorabend des Ersten Weltkrieges im Streit auseinander und konnten ihre Differenzen zu Lebzeiten der Protagonisten nicht ausräumen. Inzwischen scheint Gras über die Sache gewachsen, die Nachkommen wissen von der einstigen Fehde nichts mehr und doch wird immer offensichtlicher, dass auch sie von deren Konsequenzen betroffen sind. Die Situation eskaliert, als sich einer der Bankräuber, angetrieben durch eine merkwürdige Frau die seltsam aus der zeit gefallen scheint, in die Sache einmischt.

Keine Scheu vor Genregrenzen

Irgendwas stimm in Niceville nicht. Cover: (c) Dumont Buchverlag
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Pinterest
  • Newsvine
  • Delicious
  • reddit
  • Tumblr

Irgendwas stimm in Niceville nicht. Cover: (c) Dumont Buchverlag

Carsten Stroud verwebt in seinem Roman geschickt die Genres. Während sich einzelne Handlungsstränge wie klassische Gangstergeschichten ausnehmen, haben andere eher den Charakter von Mystery- und Schauererzählung. Dass diese vielen Stränge schließlich dennoch ein harmonisches Bild ergeben, ist ein Verdienst dieses Autors, der es versteht mit den Konventionen der Genres zu spielen und diese an den entscheidenen Stellen von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Dem Leser macht er es dabei zunächst nicht leicht. Die ersten 100 – 150 Seiten sind zuweilen durchaus zäh, was zweifelsfrei der Vielzahl an Schauplätzen un Protagonisten geschuldet ist. Lässt man sich jedoch auf die vielen Handlungsebenen ein, ist es geradezu faszinierend, zuzusehen wie am Ende alles ein Bild ergibt.

Niceville

  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Pinterest
  • Newsvine
  • Delicious
  • reddit
  • Tumblr
ist der Auftakt zu einer Trilogie deren zweiter Band in diesen Tagen erscheint. Meines Erachtens nach schreit die Geschichte darüber hinaus nach einer Verfilmung.