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Motorama, Barbarossa, Shout out Louds, Kettcar (Berlin Independent Night 2013)

„Dit jeht weg wie jeschnitten Brot“ beantwortet der Verkäufer in der Ticketbude die Frage eines Kunden, ob es bei der Berlin Idependent Night denn voll werden würde. Ich finde den Namen des Festivals zwar bescheuert, nehme aber trotzdem eine Scheibe. Das Line-up kann nämlich überzeugen.

Das Konzept gefällt. Einmal Eintritt zahlen, dann erhält man Zutritt zu sechs Clubs die allesamt mit einem ordentlichen Aufgebot an spannenden Bands aufwarten. Beim Blick auf den Zeitplan wird allerdings schnell klar, dass ich bei Weitem nicht alles sehen kann, was ich gern sehen würde. Dafür sind die Wege doch zu weit und die Spielzeiten zu eng gestrickt. Mein Fahrplan durch die Nacht: Erst Barbarossa im Astra Kulturhaus. Danach die heiß geliebten Shout out Louds im selben Laden, bevor ich mir ernsthaft Gedanken machen will, was ich mir danach ansehen will. Zur Auswahl stehen Kettcar, Herrenmagazin und Adolar. Während ich die beiden erstgenannten natürlich schon unzählige Male gesehen habe, bin ich auf Adolar doch etwas neugierig. Die kannte ich bisher nur aus der Konserve. Den Liveabschluss soll schließlich Motorama bilden. Die stellen mein persönliche Highlight des Abends dar. Im Anschluss dann Tanzen, dann Morgengrauen, jetzt aber erstmal los.

Zunächst also Barbarossa im Astra. Londoner Singer/Songwriter der so weit über den Dingen steht, dass dieser Begriff fast schon verharmlosend wirkt. Was der Mann mit der markanten Stimme und dem roten Bart da macht ist Popmusik auf höchstem Niveau. Angesiedelt irgendwo zwischen Trip Hop und Synthiepop, geerdet durch eine kleine Brise Motown, bringt Barbarossa das noch lichte Publikum in Tanzstimmung. So richtig voll ist es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, zeitgleich spielen We invented Paris im Lido. Hätte ich auch gern gesehen, schade. Dass ich mich für Barbarossa entscheide, bereue ich trotzdem nicht. Insbesondere die Hits Bloodline, Turbine und the Load gehen ins Ohr und bleiben im Herzen kleben. Ein schöner Auftakt für diese lange Nacht.

Es folgen die Shout out Louds. Jahre ist es her, dass ich diese Band zum letzten mal gesehen habe. Gerade deshalb fiel mir die Entscheidung auch nicht schwer, weiter im Astra zu bleiben. Auch wenn zeitgleich im Bi Nuu Johnny Flynn die Bühne betrat. Hätte ich ja auch gern gesehen, schade. Aber die Shout oud louds können mal wieder überzeugen. Bei Please, Please, Please und Very loud kommt dieses wohlige Kribbeln in der Magengegend auf, das man aus verliebten Teenietagen kennt. Ich mag diese Band. Das Astra ist inzwischen richig gut gefüllt und die Menschen sind so gut gelaunt, dass es fast gruselig wird. Wenn die alte Regel stimmt, nach der derjenige CDU wählt, der bei Konzerten über dem Kopf klatscht, erklären sich jüngste Wahlergebnisse. Vielleicht liegt das aber auch nur an der immensen Zahl an Hits, die diese Band in den letzten Jahren geschrieben hat. Mir solls egal sein.

Im Anschluss gilt es abzuwägen. Option eins: Schnell ins Lido rennen, da beginnen zeitgleich mit dem Ende der Shout out Louds die großartigen Herrenmagazin ihr Set. Das Lido ist allerdings 1,5km entfernt. Ich entscheide mich gegen die Rennerei. Option zwei: schnell ins Badehaus, das ist nur 500m weit weg und dort werden gleich Adolar spielen. Aber die spielen momentan auf jeder Bibliothekseinweihung, früher oder später werde ich die also noch sehen. Ich entscheide mich also für Option drei: Hole mir noch ein Bier und bleibe an Ort und Stelle. Gleich spielen Kettcar, meine alte Liebe, und deren letzte Show der ich beiwohnen durfte ist auch schon wieder zwei Jahre her. Stadtgarten in Erfurt, glaube ich. Hach, wie die Zeit vergeht…

Mein Entschluss sollte sich schnell als richtig erweisen. Marcus Wiebusch betritt die Bühne und eröffnet das Konzert mit den Worten „Hallo Berlin, der Name dieser Band ist Kettcar. Und das zum letzten mal für eine lange Zeit.“ Ich bin offenbar der einzige im rappelvollen Saal, den das überrascht. Kettcar legen also erstmal eine Pause ein. Wie sich so etwas verstetigen kann, zeigen allerdings die Labelkollegen von Tomte. Da glaubt ja auch kaum noch jemand, dass es diese Band je wieder geben wird. Es handelt sich hier also womöglich um einen historischen Moment. Die letzte Kettcar-Show, ich mag gar nicht daran denken. Das Set ist ein Best-of der vier Alben dieser Band, wobei ein deutlicher Fokus auf der ersten Platte (Du und wieviel von deinen Freunden) liegt. Jenem Album also, dass damals dieses ganze Indierockmitdeutschsprachigentextending ins Rollen gebracht hat und bis heute zu den Alben gehört, die mir am meisten bedeuten.

Wie ihr Publikum scheint auch die Band in Erinnerungen zu schwelgen. Wiebusch gibt sich ungewohnt redselig und gibt so manchen Schwank aus der Bandgeschichte zum Besten. Schöner Moment am Rande: Während Balkon gegenüber singt Wiebusch statt der eigentlichen Zeile „Vielleicht ist der 30 geworden“ mit einem Lächeln auf den Lippen „Vielleicht ist er 40 geworden“ Auch Rockstars werden schließlich nicht jünger. Das Konzert endet schließlich mit dem wunderbaren Landungsbrücken raus, einem Stück das ein Konzert dieser Band so viel besser abschließt, als es Balu je könnte. Gerade durch seine Bild- und Wortgewalt jagt mir dieses Stück am Ende dieses vermeintlich letzten Konzerts eine Gänsehaut auf den Rücken. Und habe ich mir auch während des gesamten Konzerts heimlich gewünscht, dass es mit Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur endet, dem Stück also, das in den frühen Jahren jede Show dieser Band abschloss, so sage ich im Nachhinein, dass Landungsbrücken der perfekte Abschluss war. Kettcar verabschieden sich mit einem gehauchten „Vergesst uns nicht.“ Niemals, denke ich so bei mir.

Zurück kommen, essen und einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss.

Tränen trocknen, Locationchange. Während überall sonst die Aftershowparty beginnt, soll im Badehaus noch jene Band spielen, die mich hauptsächlich auf das Festival gelockt hat: Motorama. Motorama kommen aus Russland und bewegen sich im selben musikalischen Universum wie die Editors und the National. Darüber hinaus haben diese Typen zwei Alben vorgelegt, die von vorne bis hinten zu überzeugen wissen und vollkommen ohne diese nervige Stadionrockattitüde auskommen, die sich die Editors zuletzt angeeignet haben. Wer nun denkt, für einen würdigen Abschluss dieses Abend wäre alles bereitet hat seine Rechnung ohne die Band gemacht. Ich habe selten ein langweiligeres Rockkonzert gesehen als dieses. Motorama spielen ihr Set in einer unerträglich uninspirierten Weise runter, dass es erschreckend ist. Man könnte es vielleicht wohlwollend als Routine beschreiben, was die Band da macht, auf mich wirkt es in erster Linie gelangweilt. Das Konzert geht nahtlos aus dem Soundcheck über. Die Band sieht aus, als wolle sie es schnell hinter sich bringen um nach draußen zu gehen und eine zu rauchen, ein Bier zu trinken und schnell wieder zu verschwinden. Natürlich kann man bei dieser Art von Musik keinen Karneval und kein Halligalli erwarten. Ein bisschen mehr Dynamik muss aber drin sein. Lag es an der Uhrzeit oder meinen hohen Erwartungen? Ich glaube nicht, die hatten einfach keinen Bock. Ich dann auch nicht mehr, das Ende des Konzerts sehe ich mir nicht mehr ans und gehe stattdessen an die Bar.

Insgesamt trotzdem ein tollen Abend. Vier Bands gesehen, drei davon top, nur eine floppt. Die Quote geht in Ordnung.