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Murakami, Südlich der Grenze, westlich der Sonne (Dumont, 2013)

Wahrscheinlich war ich einfach zu jung, als ich damals Murakamis „Gefährliche Geliebte“ gelesen habe. Oder lag es doch an der Übersetzung? An der scheiden sich die Geister, ich vermag das nicht zu beurteilen. Im Zweifelsfall suche ich den Fehler aber eher bei mir. Sei es drum, ich habe die neue Übersetzung unter dem Namen „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ gelesen, als hielte ich ein neues Buch von Haruki Murakami in Händen. Diesen Autor, den ich verehre wie keinen anderen. Und um das vorweg zunehmen: Das Buch hat mich begeistert, fast wie damals als ich zum ersten mal einen Murakami gelesen habe…

Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne
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Südlich der Grenze, westlich der Sonne Cover: Dumont

Wenn du zum ersten mal verliebt bist, ist das ein komisches Gefühl. Auf der einen Seite möchtest du das natürlich der ganzen Welt mitteilen. Auf der anderen Seite weißt du natürlich, dass das nicht geht. Da würden die anderen Jungs natürlich blöde Sprüche reißen. Mit den Weibern willst du als cooler Fünftklässler schließlich nichts zu tun haben. An diese erste Verknalltheit wirst du dich aber trotzdem dein ganzes Leben lang erinnern, auch wenn es mit dem Mädchen natürlich nichts wird.

Mehr als ein Coming of Age-Roman

So ähnlich geht es auch Hajime. Der blickt mit Ende 30 noch einmal zurück auf seine Schulzeit. In der fünften Klasse kam eine neue Mitschülerin in seine Klasse. Da sie, Shimamoto, in der Nachbarschaft Hajimes wohnte, trug ihr Lehrer ihm auf, sich um das Mädchen zu kümmern. Die beiden entdecken ihr gemeinsames Interesse an Literatur und Musik, verlieben sich ineinander. Bevor es ernst werden kann, zieht Hajimes Familie allerdings in eine andere Stadt und die beiden verlieren sich, trotz bester Absichten aus den Augen. Hajime eröffnet nach dem Studium eine Bar, heiratet und bekommt zwei Kinder. Dennoch hinterlässt Shimamoto eine eigenartige Leerstelle in seinem Leben, die nie gefüllt werden kann.

Als ich die Augen schloss, tauchten die Wirbel in der Dunkelheit auf. Tauchten auf und verschwanden wieder, lautlos. Aus weiter Ferne hörte ich Nat King Cole South of the Border singen. Natürlich handelte das Lied von Mexiko, aber das wusste ich damals nicht. Für mich klangen die Worte südlich der Grenze lockend und unergründlich. Sooft ich das Lied hörte, fragte ich mich, was sich wohl südlich der Grenze befinden mochte. Shimamoto fuhr noch immer mit dem Finger über ihren Rock. Ich spürte einen leisen, süßen Schmerz in mir.

 

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist bis dahin ein typischer Coming-of-Age-Roman, würde nicht Shimamoto aus heiterem Himmel wieder die Bildfläche betreten und dem Roman einen Murakami-typischen Drift ins Surreale verpassen. Shimamoto erscheint immer wieder an regnerischen Abenden und bringt Hajimes Gefühlhaushalt gehörig durcheinander. Er spürt, dass Shimamoto ein Geheimnis mit sich trägt, welcher Natur das ist, vermag er allerdings nicht zu sagen. Und gerade in diesen Szenen, in denen Hajime über sich, sein Leben und seine eigenartige Beziehung zu Shimamoto nachdenkt, machen Südlich der Grenze, westlich der Sonne

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Ursula Gräfe gibt Murakami eine deutsche Stimme

Bei seiner ersten Veröffentlichung erschien dieser frühe Roman Murakais unter dem etwas fragwürdigen Titel „Gefährliche Geliebte“. Als Vorlage für die Übersetzung diente seinerzeit nicht das japanische Original, sondern die amerikanische Ausgabe. Es handelte sich damit also um die Übersetzung einer Übersetzung. Verständlich, dass Puristen das übel aufstößt, kann so doch von der Sprache des Autors nicht mehr viel übrig bleiben. Für diese Neuauflage hat sich einmal mehr Ursula Gräfe an den Text gewagt. Wie schon so oft, gelingt es ihr auch hier wieder, Murakami eine deutsche Stimme zu verleihen.