1187 Views |  1

Liebeserklärung an Thees Uhlmann

Eigentlich sollte die Show schon vor fünfzehn Minuten begonnen haben, als Rocco Klein die Bühne betritt. Ungewöhnlich, hatte der Moderator von Viva zwei doch damals eigentlich nur die Bands auf der Hauptbühne des Immergut Festivals angekündigt. Als das Warten auf diese junge Indierockband aus Hamburg dann aber doch zu lang wurde, sah sich der Fernsehmann gezwungen ein paar Worte an die wartenden Menschen vor der Bühne zu richten. „Tomte fangen gleich an“, sagte er. Und weiter: „Thees Uhlmann muss nur noch schnell seine letzte Schachtel Zigaretten aufrauchen.“ 2001 war das, inzwischen also vor zwölf Jahren und ich warte schon wieder auf Thees Uhlmann.

Ich erinnere mich an Konzerte, die schon lange zu Ende sind

Als die Band um ihren nervös-aufgekrazten Frontmann die etwa eine handbreit hohe Bühne betrat legte sich augenblicklich eine seltsam elektrisierte Stimmung über das Publikum. Tomte waren damals mit ihrem zweiten Album unterwegs, die Musik noch deutlich mehr Punk als Pop. Der Band eilte ein Ruf voraus, an dem andere zerbrochen wären, den Tomte aber ohne weiteres zu bestätigen wussten. Die Hits dieser Tage hießen Wilhelm, das war nichts und Korn & Sprite. In ihren Titeln verbargen sich die Referenzen an einen Sound, den die Band damals offenbar anstrebte, aber erst Jahre später wirklich erreichen konnte. Die Energie, die in dem hoffnungslos überfüllten Nebenbühnenzelt, das damals noch den Namen des Knaack-Fanzines trug, in der Luft lag, wurde auf diesem Festival wohl nie wieder erreicht.

Es gibt so Momente, an die erinnerst du dich dein Leben lang. Einer dieser Momente wird für mich auf immer dieser laue Frühlingsabend in Neustrelitz bleiben, an mich (Achtung, Pathos:) der Rock’n’Roll gefangen nahm. Den Rausch, den die Musik an diesem Abend bei mir verursachte, habe ich so nie wieder erlebt, die Erinnerung daran ist mir aber auch nach all der Zeit präsent.

All der Krach und Schmutz und Staub

Was folgte war eine Tour über die Dörfer, die eher an den Spielplan einer Regionalligamannschaft erinnert, als an die Tour der wichtigsten Band des Landes (und als diese haben wir Tomte betrachtet!). Neustrelitz, Strausberg, Greifswald, Potsdam und immer wieder Berlin. Tomte begannen, immer mehr Stücke ihres anstehenden dritten Albums in ihre Konzerte einzubauen, es deutete sich großes an. Unvergessen, die Sommer der Jahre 2002-04 in denen die Zeile Das ist nicht die Sonne die untergeht, sondern die Erde die sich dreht aus betrunkenen Kehlen gesungen in der warmen Nachtluft lag.

Sähe ich mich einmal gezwungen, mich auf eine handvoll Platten für die einsame Insel festzulegen, müsste ich über einen Titel keine großen Gedanken verschwenden: Hinter all diesen Fenstern gehört seit zehn Jahren ein Ehrenplatz in meinem Plattenkoffer und meinem Herzen. Was Uhlmann auf dieser Platte für Zeilen schreibt, danach leckt sich mancher große Literat die Finger. Was da drin steckte, war nicht nur Gefühl. Nein, diese Texte drückten genau das aus, was mich damals umgetrieben hat. Diese Stücke waren auf Jahre hinweg so etwas wie der Soundtrack meines Lebens. Unvergessen, die Abende zu zweit, im Auto sitzend, im Hintergrund die Schönheit der Chance. Oder die Tränen, allein zu die Bastarde, die dich jetzt nach hause bringen.

Manche sangen von Liebe, ich sang die ganze Zeit von dir

Und ich weiß, was für ein Wetter über der Stadt lag, in der Nacht als du mich in deine Arme nahmst und wir uns schworen, uns zu behalten. Ich weiß das auch noch, auch wenn aus den Schwüren schließlich doch nichts wurde. Die Zeit blieb schließlich nicht stehen, es galt weiterzuziehen und Tomte lieferten wieder den Soundtrack dazu. Geweint haben wir zunächst zu Kettcars 48 Stunden, neuen Mut machten uns zwei Jahre später Tomtes Buchstaben über der Stadt und die vielen Weisheiten, die auch dieses Album enthielt. Mit dem Wechsel der Stadt sind Beziehungen und Freundschaften zerbrochen, umso bedeutungsvoller erschien plötzlich eine Zeile wie es ist ein gutes Gefühl zu sagen, wir kennen uns noch in zehn Jahren. Und dann, wie aus dem Nichts, die Hymne zum Neuverlieben, ich sang die ganze Zeit von dir.

Thees Uhlmann singt in einem Stück über die Stadt, die mich zum Mann gemacht hat. Die Musik, die er in all den Jahren geschrieben hat, hat mich zum Mann gemacht. Und so klebrig sich diese Zeile vielleicht auch liest, so sehr drückt es doch das Gefühl aus, das ich mit ihr verbinde. Unvergessen auch das Campusfest in Erfurt, auf dem ich zum ersten mal zwei Stücke vom letzten Tomtealbum Heureka hören durfte und mich schon wieder fragte, woher der Typ das alles weiß. Nichts ist so schön, wie betrunken traurige Musik zu hören. Bäm. Genau das ist es. Was auf den Erfurter Abend folgte, waren Wochen des Suchens nach passablen Mitschnitten die sich auf Youtube von einigen der neuen Liedern fanden. Irgendwie musste die Zeit bis zum Albumrelease schließlich überbrückt werden. Küss mich wach, Gloria hieß das andere neue Stück, das Tomte an diesem Abend spielten und das genau die Art von Unruhe ausdrückte, die ich in dieser zeit verspürte.

Ich bin durstig, gib mir zu trinken

Und dann wurde es irgendwann still um die Band. Gerüchte um eine Auflösung machten die Runde. Gerüchte von denen ich nichts wissen wollte. Bis dann vor zwei Jahren Uhlmanns erstes Soloalbum erschien. Der Sound war nicht mehr der, den ich bei Tomte so geliebt habe. Und doch waren da Klänge und Formulierungen, die kaum verhehlen konnten, in welcher Band der Kerl sein Handwerk erlernt hat. Und dann wieder diese Gänsehautmomente die an früher erinnert haben. Gänsehautmomente wie in & Jay-Z singt uns ein Lied oder vom Delta bis zur Quelle. Und wenn ich heute mit dem Auto auf meinen Heimatort zufahre kann ich mich gegen den Reflex kaum wehren, den Fuß vom Gaspedal und den Gang rauzunehmen, und leise Lat 53.7 Lon 9.11667 zu summen. Hier komm ich her, hier bin ich geboren.

In den letzten Wochen habe ich wieder viel Zeit auf Youtube-Suche verbracht. Morgen erscheint endlich #2

  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Pinterest
  • Newsvine
  • Delicious
  • reddit
  • Tumblr
von Thees Uhlmann und das Warten hat ein Ende. Erstmal.