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Half Moon Run, 12.08.2013, Franz Mehlhose, Erfurt

Man kennt das. Da geht man als vielversprechende junge Band mit einer großen Truppe auf Tour und muss es sich fortan gefallen lassen, andauernd mit denen in einen Topf geworfen zu werden. Im Falle von Half Moon Run ist das insofern bitter, als dass sie musikalisch um ein vielfaches spannender sind, als es Mumford & Sons je sein werden, deren Shows sie zuletzt eröffneten.

Erfurt, mal wieder. Jenaer Standesdünkel verbietet es natürlich Gutes über diese Stadt zu sagen. Man mag deren Fußballverein nicht und missgönnt ihr den Status der Landeshauptstadt. Wer sich als Jenaer aber ein wenig für Musik interessiert, der schaut zumindest in einer Hinsicht etwas eifersüchtig auf das Dorf westlich von Weimar. Dort gibt es nämlich Franz Mehlhose, den besten Club Thüringens. Den Club der irgendwie immer wieder so tolle Musik aus dem Hut zaubert, die man sich so sehr auch mal auf einer hiesigen Bühne wünschen würde. Und so zieht es den musikbegeisterten Jenaer immer wieder über die A4 gen Westen. Auf der Fahrt werden ein paar Witze über die ‚Blumenstadt‘ gemacht, auf dem Parkplatz kopfschüttelnd das RWE-Graffiti an der Wand beäugt, im Club schließlich schüchterenes Nicken mit anderen weit-gereisten getauscht. „Du auch hier“, „klar,“, „ich sags auch nicht weiter, kein Ding du“, sagen unsere Blicke. Nein, Erfurt mögen wir nicht, Franz Mehlhose hat aber trotzdem einen Platz ganz tief in unseren Herzen.

Und das nicht ohne Grund. Schuld daran sind zum Beispiel so Abende wie Montag, an denen man sich in Erfurt einfach mal denkt, man könnte ja mal wieder den ganz neuen heißen Scheiß auffahren. Half Moon Run sind natürlich schon seit ein paar Monaten ein Begriff, dass man diese tolle Band aus Kanada aber in so beschaulicher Atmosphäre erleben darf, ist schon etwas ganz Besonderes. Diese Musik schreit nämlich nach großen Bühnen. Und das ohne prollige Rockstarattitüde, sondern allein deshalb weil sie in der Lage ist, so tolle Momente zu kreieren. Sie bewegt sich irgendwo zwischen solidem Blues und feinem Folk und scheut sich nicht, das Wort Pop ganz laut in die Welt zu schreien. Es zeichnet diese jungen Typen aber aus, dass sie eben nicht voll auf den Folk-Zug aufspringen, der mit dem langweiligen zweiten Album von Mumford und seinen Söhnen und seinen vielen Nachahmerbands längst in einen Tunnel gerauscht ist, dessen Fahrtrichtung vielleicht hohe Verkaufszahlen verspricht, der sich aber von seiner musikalischen Kreativität immer weiter entfernt.

Stagnation ist eben nichts für die Jungs von Half Moon Run und so schreiben sie Songs, die zu keinem Zeitpunkt verleugnen, dass sie von der Musik ihrer Väter (Blus, Folk, Singer/Songwriter) angestoßen wurde. Dass sie es dabei aber nicht bewenden lassen, sondern konsequent auch neuere Einflüsse verarbeiten macht ihre Größe aus. Und dann kommt das heraus, was wohl mit dem Begriff „musikalische Reife“ umschrieben werden kann. Half Moon Run haben, und das kann angesichts der Jugendlichkeit dieser Band hervorgehoben werden, ihren Sound gefunden. Egal ob sie nun eine Nummer für die Disco (Call me in the Afternoon) schreiben oder doch eher für den einsamen Herbstnachmittag (Full Circle): Die Handschrift ist unverkennbar.

Und wer da noch Bands wie Mumford und seine Jungs als Referenz aufführt hat offensichtlich nichts verstanden. Die Brillanz liegt hier gerade in der Unbestimmbarkeit und Vielschichtigkeit der Einflüsse. Als Referenz dienen da viel mehr Bruce Springsteen und Radiohead. Passt nicht? Einmal die Augen schließen und Give up hören. Als würde Thom Yorke vom Boss auf der Gitarre begleitet, oder?

In der ausverkauften Mehlhose erfreut sich die Band an der Textsicherheit des Publikums und den beschlagenen Fenstern. Für einen Lacher sorgt der Sänger als er erst nachfragen muss, wie denn eigentlich der Name der Stadt lautet, in der er gerade spielt. Erfurt ruft man ihm zu und Jena wird ganz still bei der Einsicht, dass diese Band wohl nie die Buchstaben über der Stadt lesen wird. Dafür sind die Bühnen dieser Stadt zu klein und dafür werden die Bühnen bald zu groß sein, auf denen Half Moon Run spielen werden. Und deshalb kann man glücklich sein, den weiten Weg an diesem Abend angetreten zu haben. Danke, Franz Mehlhose.

Half Moon Run – Full Circle (Official Video) from Half Moon Run on Vimeo.