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“Sexuelle Vorgänge in primitiver Weise” und das Urheberrecht.

Wer darf darüber entscheiden, wo Kunst anfängt und Müll aufhört? Mit seiner Entscheidung zum Urheberrecht pornographischer Filme maßt sich das Oberlandesgericht München an, genau diese Entscheidung treffen zu können. Nur scheint es niemanden zu kümmern. Und überhaupt: Wie weit sind wir denn gekommen, wenn staatliche Instanzen schon (wieder) darüber befinden, was Kunst ist und was nicht.

Es mutet eigentlich wie eine gewöhnliche Urheberrechtsklage an, mit seiner Urteilsbegründung betritt das Gericht meines Erachtens nach aber dünnes Eis: Ein amerikanischer Produzent von Pornofilmen ermittelte die IP-Adressen von Internetnutzern, die sich die Filme „Flexible Beauty“ und „Young Passion“ über eine Filesharing-Plattform beschafft haben. Die Beschuldigten wehrten sich gegen den Vorwurf der Urheberrechtsverletzung mit der Begründung, die Werke seien lediglich „sexuelle Vorgänge in primitiver Weise“ und würden die Erfordernis einer geistigen Schöpfungshöhe nicht erfüllen. Das Münchener Gericht schloss sich dieser Begründung an. So begrüßenswert diese Entscheidung auch dahingehend sein mag, dass Abmahnanwälten hier der Wind aus den Segeln genommen wird, so wirft die Formulierung doch Fragen auf.

Nun mag man zu Pornografie im Allgemeinen und im Film im Speziellen stehen wie man will. Ein Film ist ein Film, dessen Genre sollte bei dieser Einordnung keine Rolle spielen. Unabhängig davon, wie tiefschürfend die Handlung eines Filmes ist, sollte doch fest stehen, dass es sich dabei um ein schützenswertes Werk handelt. Tut es das nicht, beginnt eine staatliche Instanz damit zu diktieren, was Kunst ist und was nicht. Natürlich entspricht Pornografie nur selten den Wertmaßstäben eines bürgerlichen Kunstverständnis. Doch kann dieses Kunstverständnis kanonisch sein?

Schließen sich Pornografie und Kunst aus?
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Schließen sich Pornografie und Kunst aus? (c) cc by See-ming Lee; Flickr.

Selbstverständlich kennt das Urheberrecht den Begriff der Schöpfungshöhe. Diese soll eine gewisse geistige Leistung und Individualität ausdrücken, die ein Werk von einem bloßen Zufallsprodukt, Fund oder tierischen Erzeugnis abgrenzt. So weit, so logisch. Doch an welcher Stelle widerspricht das nun einem Porno? Was mich insbesondere stört, ist die Bewertung „primitiv“. Bedeutet das, dass ein Porno dann zu einem schützenswerten Werk wird, wenn der Akt gut ausgeleuchtet ist und zwischen den Stellungswechseln Rilke-Verse zitiert werden? Oder liegt die Ursache für diese Einordnung nicht viel eher in der Darstellung von Sex, dem per se nichts künstlerisches anhaftet?

Darauf deutet auch ein Vorfall hin, der sich vor ein paar Tagen in der Hansestadt Herford ereignet hat. In einer Ausstellung wurde eine Installation der Künstlerin Alexandra Sonntag gezeigt, in der aus Sex-Magazinen Schiffchen gebaut wurden. Ziel der Installation „Seemanss Braut“ sei es, die sogenannte Seefahrer-Romantik zu kritisieren. Zwar wurde dem Werk in diesem Zusammenhang nicht die Schöpfungshöhe abgesprochen, doch bemängelte das Ordnungamt, das die Installation entfernte und teils sogar beschädigte, dass das Werk der Verbreitung pornografischer Schriften diene. Nun kann man vielleicht darüber diskutieren, ob ein solches Werk womöglich Jugendlichen unzugänglich ausgestellt werden sollte. Ein so rigoroses Vorgehen, wie es das Ordnungsamt aber an den Tag legte, erscheint mir doch etwas fragwürdig. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier schlicht unterschiedliche Moralvorstellungen aufeinanderprallen. Dass darunter die Freiheit der Kunst leidet ist allerdings mehr als bedenklich.

Noch weiter gedacht schließt sich daran doch zwingend die Frage an, wie mit Werken umzugehen ist, die analog zu Pornografie vom bürgerlichen Kunstverständnis nicht erfasst werden, dennoch aber einen urheberrechtlichen Schutz genießen. Wie verhält es sich mit Texten, die ich veröffentliche, die aber vor allem Situationsbeschreibungen sind und damit selbstverständlich auch Ausdruck des Zufalls sind. Können Formulierungen aus solchen Texten willkürlich abgeschrieben werden ohne dass ich irgendeinen Anspruch auf Schutz meiner Werke habe? Darf ich schlechte Musik blind downloaden weil ich der Meinung bin, sie hätte mit Kunst nichts zu tun?

Und noch einmal weiter: Wie weit sind wir denn davon entfernt, dass gewissen Kunst wieder als „entartet“ gebrandmarkt wird, wenn Richter und Ordnungsämter sich aufschwingen, solcherlei Entscheidungen zu treffen? Zu provokant? Ich bin nur besorgt.