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Road to Marburg VI: Epilog

Liebes Trainingstagebuch,

es war ja schon etwas plakativ, dass gerade das furchtbare „Highway to Hell“ von AC/DC aus den Boxen im Marburger Universitätsstadion dröhnt, als ich gerade auf die abschließende 400m-Runde am Ende des Halbmarathons einbog. Die Uhr über der Ziellinie sprang gerade über 2:00h und in mir brach eine kleine Welt zusammen. Mein erklärtes Ziel, unter zwei Stunden zu finishen, habe ich verfehlt. Am Ende siegte dann aber doch die Freude.

Zwei Stunden zuvor stand ich noch umringt von über 2000 Läuferinnen und Läufern auf dem historischen Marktplatz inmitten der Marburger Oberstadt und tippelte von einem Fuß auf den anderen. Ja, ich gebe zu, ich war doch etwas nervös vor dem Start. In diesem Moment erschien der zum Dorfdiscohit mutierte Tote-Hosen-Mitgrölsong „Tage wie diese“, der die mittelalterliche Kulisse beschallte regelrecht passend, so sehr er mir das letzte Jahr über auch auf den Keks ging. Aber in diesem Moment drückte er trotz seiner furchtbaren Reimdichoderichfressdichlyrik genau das aus, was ich in diesem Moment gefühlt habe. „Ich wart seit Wochen auf diesen Tag“ heißt es da gleich zu Beginn und dann ist da von engen Gassen die Rede, durch die man sich seinen Weg bahnt und einem Ende, das noch nicht absehbar ist. Ja, genau darum ging es in diesem Moment und genau deshalb gibt es wohl auch keine passendere Musik die man fünf Minuten dem Start hätte spielen können. Und dass ich noch einmal so wohlwollend über die Toten Hosen schreiben würde, hätte ich auch nicht gedacht.

Die Strecke führte zunächst über tückisches Kopfsteinpflaster durch die wunderschöne Altstadt, bevor sie eine scharfe Kurve macht und sich durch die weit weniger schöne Innenstadt schlängelte. Hier fanden sich auch zahlreiche Zuschauer ein um den Läufern zuzuschauen und sie anzufeuern. Der Kurs verliess allerdings recht bald die Stadt um weiter im Norden über frisch gemähte Felder zurück in Richtung der Universitätsstadt zu verlaufen. Was die Zuschauerzahl angeht, wurde es hier natürlich ruhiger und dennoch ist es auf diesen ersten 8km einfach nur schön. Ich weiß nicht ob ich von dem Duft des gerade erst gemähten Korns ein wenig berauscht war oder ob mich die tolle Atmosphäre so sehr angefixt hat, aber ich fühlte mich auch nach dieser Distanz noch so frisch, als wäre ich gerade erst gestartet.

Zur linken Seite zeigten sich bald die Türme der philosophischen Fakultät und ich erinnerte mich an den vorherigen Abend. Jetzt konnte es nicht mehr weit bis zur Mensa und den Lahnstufen sein, an denen wir den letzten Abend verbracht haben, dachte ich und hörte aus der Ferne schon den Lärm der Zuschauer. Vor der Mensa haben sich unglaublich viele Menschen eingefunden um die Läufer anzufeuern und ich bekam ein Gänsehaut am ganzen Körper. Bis zum Unistadion knappe zwei Kilometer weiter standen jetzt die Zuschauer Spalier und machten den Lauf zu einem echten Erlebnis. Die Brücke vor dem Stadion markierte die Halbzeit. Jetzt nochmal zehn Kilometer und es war geschafft.

Die Strecke wurde auf diesem Abschnitt deutlich fordernder. Nicht nur weil es sich inzwischen doch deutlich abgekühlt hatte und der Wind, der über die Felder rund um das Dorf Cappel wehte, das es zu durchqueren gilt, sicher nicht nur mich frösteln lies. Hier wurde das Profil des Parkurs auch leicht profiliert und die Bodenbeläge wechselten häufig, was die ganze Geschichte etwas spannender machte. Bis zum Kilometer 16 bin ich vermutlich den Lauf meines Leben gerannt, als passierte was passieren muss, wenn es zu gut läuft. Auf unebenem Belag stolpere ich knicke mit dem Bein ein. Ein stechender Schmerz zuckt durch das linke Knie, das mir schon seit Jahren Probleme macht. Die Minuten die ich mir bis dahin herausgelaufen hatte drohten wegzuschmelzen während der Schmerz im Knie immer stärker wurde. Ab km18 konnte ich nur noch humpeln und es drohte schon fast das Minimalziel „Finish“ davonzuschwimmen. Ich nahm noch mehr Tempo aus dem Lauf um irgendwie ins Ziel zu kommen und den letzten Kilometer noch halbwegs würdevoll hinter mich zu bringen. Als das Universitätsstadion wieder in Hörweite kam biss ich die Zähne zusammen und lief in normalem Tempo. Am Eingang zum Stadion ist das Gedränge der Zuschauer inzwischen mächtig angewachsen. Offenbar haben sich viele Leute aus der Innenstadt und von der Mensa zum Stadion begeben um ihre Lieben im Ziel zu begrüßen. Die Menge bildete eine enge Gasse durch die sich die Läufer ihren Weg bahnten. Aus dem Gedränge streckte mir S. ihre Hand zum abklatschen entgegen. Jetzt nochmal kämpfen. Kurve ins Stadion. Highway to Hell. Die Uhr zeigt 2:00. Scheiße.

Die Enttäuschung wich schließlich noch am selben Abend. Gründe dafür gibt es einige. Zunächst einmal den, dass der Sieger Gutu Abdata Oddee aus Äthiopien seine avisierte Zielzeit um satte sechs Minuten verpasst hat. Dagegen nehmen sich die 41 Sekunden die ich zu langsam war fast schon bescheiden aus. Das ist keine Schadenfreude sondern zeigt letztlich, dass die Strecke in Marburg vielleicht doch nicht so leicht ist, wie allgemein angenommen wird. Irgendwann dachte ich auch, dass es doch schon ordentlich ist, wie gut ich den längsten Teil der Strecke unterwegs war. Ich war schließlich auf dem besten Wege eine Zeit um 1:50 zu laufen… hätte das Knie denn gehalten.

Vollends weggespült wurde die Enttäuschung dann aber von den Jungs vom Rugbyklub Marburg. Die haben den Bierwagen auf der Finishline-Party betreut und zur Freude vieler Läufer und Besucher regelmäßig vergessen, die eigens dafür ausgeteilten Getränkebons einzusammeln, nachdem das frische Licher gezapft war. Ja, ich war schließlich so betrunken, dass ich schon fast in Versuchung war mitzusingen, als auf der Party zum fünften mal „Tage wie diese“ lief. Inzwischen war es tiefe Nacht in Marburg und ich habe angefangen, darüber nachzudenken bei welchem Halbmarathon ich denn als nächstes antreten könnte.

Tschüss Marburg und Danke. Bis zum nächsten Jahr

dein Haile Nixiselassie.

PS. Zwei Anekdoten am Rande:

  • Nach etwa vier Kilometern: Drei Mädels stehen am Rand der Strecke und versuchen, während sie dem Feld applaudieren, eine Falsche Wein zu öffnen. Ein Läufer der gerade erst an ihnen vorbei war kehrt um, entkorkt die Flasche und reiht sich wieder ins Feld ein. Das nenne ich mal einen Gentlemen’s Sport!
  • Etwa nach zwölf Kilometern: Nachdem ein Athlet an ihnen vorbei ist verstummt ein Gruppe vorn Zuschauern augenblicklich. Ein Sportsfreund hinter mir ruft ihnen, in der Manier von Handkes Publikumsbeschimpfung
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    , zu: „Nur weil euer Kumpel durch ist hab ihr noch längst nicht Feierabend! Macht mal bissel Lärm!“