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Wir müssen reden.

Die Sache ist doch die, dass im Prinzip alles gesagt ist, wenn diese drei Worte gefallen sind. In Deinem Kopf beginnt sofort ein Film. Es ergeben sich Fragen auf die es keine Antworten gibt, das ist Dir in dieser einen Sekunde sofort klar, die auf den Punkt am Ende dieses albernen Satzes folgt. Denn auch das ist klar: Wir müssen reden leitet nie ein Gespräch ein. Wir müssen reden geht stets einer grausamen Stille voraus, die sich keiner zu beenden traut. Der (meist) nicht sonderlich gehaltvolle Monolog der der Stille folgt, versucht Erklärungen zu geben und lässt doch nur Unverständnis zurück. Insofern ist Wir müssen reden aber fast schon ehrlich. Denn anders als das beinahe ausschweifende Wir müssen uns unterhalten, täuscht es keine Gegenseitigkeit vor, die es sowieso nicht gibt.

Dann folgen wieder Stille, ein Bier, Nachdenken, noch eins, irgendwann das eine Bier, über das Du am nächsten Morgen denken wirst, es hätte vielleicht nicht mehr sein müssen. In diesem Moment ist das aber egal, denn dieser Moment wird zur Unendlichkeit und die erlebst Du lieber durch eine Milchglasscheibe als in ihrer brutalen Klarheit. Jemand bestellt Vodka und sagt dabei böse Worte über den Menschen, der Dir vor ein paar Stunden noch die Welt bedeutet hat.

Abblende. Stille. Nächster Tag. Du schenkst Dir Kaffee ein  und räumst die zweite Tasse in den Schrank. Die wird heute schließlich nicht mehr gebraucht. Bevor Du die zweite Zahnbürste in den Müll wirfst zögerst Du noch einen Augenblick, als würde es etwas ändern, wenn Du sie aufbewahrst. In Doris Dörries Nackt heißt es an einer Stelle, man würde manche Sätze nur benutzen, um sie auszuprobieren. Wir müssen reden muss nicht mehr ausprobiert werden. Du reißt das Fenster auf und kuckst in den grauen Winterhimmel. Weiteratmen.